Indien und der Westen planen einen Handelskorridor nach Europa, um damit Chinas Ambitionen in Asien zu hintertreiben und die US-Verbündeten angesichts des Machtausbaus Irans stärker an sich zu binden.

Als Gegenentwurf zum ehrgeizigen Projekt der Neuen Seidenstraße von China zielt Indien darauf ab seine Beziehungen zu den Staaten in Nahost in den Bereichen der Wirtschaft und Sicherheit zu vertiefen. Vor diesem Hintergrund brach unlängst der indische Premierminister Narendra Modi zu einer Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und nach Katar auf, um die Beziehungen zum Nahen Osten zu stärken, während China seinen Einfluss dort bereits ausgeweitet hat.
Der Vorstoß für die Annäherungen an die Golfstaaten durch Indien kommt vor allem zu einer Zeit, wenn die Volksrepublik China ihr Engagement im Nahen Osten bereits spürbar verstärkt hat und unter anderem auch eine Vereinbarung zur Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Iran erfolgreich vermitteln konnte. Indien ist daher bestrebt, den eigenen Einfluss in der Region zu stärken und den von China zu bremsen, um sich selbst als Stimme des globalen Südens zu etablieren.
Indien kann vor allem den Ländern des Nahen Ostens Chancen bieten. Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt, und seine Wirtschaftskraft wächst weiter. Das Land schickt Millionen von Arbeitskräften in die VAE, die ohnehin den größten Teil ihrer Arbeitskräfte aus dem Ausland beziehen. Von den 10 Millionen Menschen, die in den VAE leben, sollen etwa 3,5 Millionen Inder sein. Viele indische Unternehmen sind dort erfolgreich tätig. Saudi-Arabien plant derzeit 100 Milliarden US-Dollar in Indien zu investieren.
Die VAE und Indien unterzeichneten bei dem jüngsten Treffen Modis in Abu Dhabi Mitte Februar eine strategische Vereinbarung, um die Bemühungen für den Wirtschaftskorridor Indien-Nahost-Europa (IMEC) voranzutreiben. Der geplante Korridor ist eine Initiative, die auf dem Gipfeltreffen der Gruppe der 20 vorgestellt worden war, die Indien im September 2023 ausgerichtet hatte. Der vorgeschlagene Korridor soll Indien über den Nahen Osten also über die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Jordanien und Israel mit Europa verbinden. Die von den USA geführte Initiative ist als Gegengewicht zu Chinas Neue-Seiden-Straße-Projekt für den Ausbau einer alternativen Infrastruktur in der Region gedacht.
Washington legte letztes Jahr eine Grundsatzvereinbarung mit seinen sieben Partnern Indien, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, der EU, Italien, Frankreich und Deutschland vor. Alle Mitglieder waren seinerzeit aufgerufen, binnen 60 Tagen einen Aktionsplan für den in einen nördlichen und einen östlichen Teil zerlegten Wirtschaftskorridor Indien-Nahost-Europa (IMEC) zu verhandeln. Der östliche Korridor soll Indien und den Persischen Golf verbinden, unter anderem durch bessere Häfen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und neue Unterseekabel für Internet und Strom. Die Verbindung vom Mittleren Osten nach Europa bildet den nördlichen Korridor, unter anderem mittels einer neuen Eisenbahnstrecke von den Emiraten quer durch Saudi-Arabien über Jordanien bis nach Israel.
Israel und Jordanien gehörten nicht zu den Unterzeichnern der Grundsatzvereinbarung, wurden darin aber ausdrücklich erwähnt. Die USA wollen vor allem Saudi-Arabien und Indien stärker an sich binden, um Chinas Neuer Seidenstraße Steine in den Weg zu legen. Italien wechselte kürzlich auch die Fronten von der Neuen Seidenstraße zurück ins westliche Lager. Die USA haben zum Ziel die asiatische Integration in der Region in ihrem Sinne mit der Hilfe Indiens voranzubringen.
Vor dem Hintergrund der ununterbrochenen Huthi-Angriffe auf Schiffe im Roten Meer ist bereits ein Korridor im Einsatz, um dem Druck der irantreuen Bewegungen auf Israel in der Region entgegenzutreten. Die israelische Verkehrsministerin Miri Regev enthüllte kürzlich den neuen Korridor für die Lieferung von Gütern aus Indien nach Israel, der die Bedrohung durch die Huthi im Roten Meer umgeht. Der neue Korridor ist eine Alternative zur der derzeit militarisierten Meerenge Bab al-Mandab, nachdem mehrere der weltgrößten Reedereien ihre Fahrten durch das Rote Meer wegen der Huthi-Angriffe ausgesetzt hatten. Bei diesem in der Probephase befindlichen Korridor handelt es sich um Indien-Nahost-Europa IMEC, dessen Namen bei der Berichterstattung kaum erwähnt wird. Über diesen Wirtschaftskorridor werden die für Israel bestimmten Güter angesichts der Bedrohung durch die Huthi im Roten Meer über den indischen Hafen Mundra in die Vereinigten Arabischen Emirate verschifft, wo sie anschießend auf dem Landweg über Saudi-Arabien und Jordanien nach Israel transportiert werden.
Seit dem 19. Oktober greift die von Iran unterstützte Huthi-Bewegung im Jemen mit Raketen und Drohnen Handelsschiffe mit mutmaßlicher Verbindung zu Israel im Roten Meer an. Die Huthi haben zum Ziel, einerseits die westliche Lieferkette über den Suez-Kanal zu gefährden und anderseits Israel zum Waffenstillstand in Gaza zu zwingen. Von den beiden Bestrebungen profitiert die Achse-China-Russland-Iran in der Region.
Trotz medialen Solidaritätsbekundungen mit den Palästinensern wollen die arabischen Staaten nicht, dass die Hamas den Krieg in Gaza gewinnt. Jordanien, die VAE sowie Saudi-Arabien haben mit der Muslimbruderschaft, aus der einst die Hamas hervorgegangen ist, ein hauseigenes Problem. Und die Saudis halten auch weiterhin an einem möglichen Deal mit Israel fest, obwohl sie in letzter Zeit Israel massiv wegen des Vorgehens der israelischen Armee (IDF) in Gaza kritisiert haben.
Während die Länder des globalen Südens sich großteils mit Palästina im Gaza-Krieg solidarisiert, fiel Modis Reaktion nach der Bodenoffensive Israels in Gaza anders aus. „Wir zeigen uns in dieser dunklen Stunde solidarisch mit Israel“, teilte der Premier seinerzeit mit. Über das Leid in Gaza verlor der indische Premier zunächst kein Wort. Im sogenannten Globalen Süden steht Indien mit dieser Haltung weitgehend allein da. Modi ist zudem Hindu-Nationalist und seine Partei in vielen Teilen islamophob. Indiens muslimische Minderheit sind für sie faktisch Bürger zweiter Klasse. In Israel hingegen sehen die Hindunationalisten seit jeher ein Vorbild: Die Idee eines von Feinden umzingelten jüdischen Staats imponiert den Hindus.
Um sich gegen den Machtausbau Chinas im indischen Ozean zu wappnen, erwirbt Indien unter anderem Waffen von Israel. Tel Aviv ist zu einem wichtigen Rüstungslieferanten für Indien geworden. Rund 40 Prozent aller Rüstungsexporte Israels gehen nach Indien. Gerüchte machen auch derzeit die Runde, dass Indien inmitten des anhaltenden Krieges in Gaza 20 Hermes 900-Drohnen an Israel geliefert hätte. Der indische Verteidigungsminister Rajnath Singh und sein israelischer Kollege Benny Gantz verabredeten bei einem Besuch im Juni 2022 in Indien die Stärkung der bilateralen Beziehungen und sie sprachen über das Engagement israelischer Firmen in der indischen Rüstungsindustrie.
Die USA sehen in Indien ein Gegengewicht zu China. Joe Biden hat sich zudem in letzter Zeit um die Wiederbelebung der QUAD-Gruppe, einer vierseitigen Sicherheitspartnerschaft zwischen den USA, Australien, Indien und Japan, bemüht, da die USA auch Indien als strategisches Bollwerk gegen die Volksrepublik China als aufstrebende Weltmacht im Pazifik einbinden wollen.








