Frankreich droht seine privilegierte Stellung in Afrika zu verlieren. In letzter Zeit musste Paris eine Reihe von Demütigungen und antifranzösischen Provokationen in Niger hinnehmen. Die Serie von Militärputschen in der Sahel-Zone hat die Dynamik zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien grundlegend verändert.

Knapp zwei Monate nach dem Putsch in Niger kündigte Frankreichs Präsident Macron an, seine militärische Zusammenarbeit mit dem Land zu beenden und den Botschafter aus Niamey abzuziehen. Das teilte Macron letzte Woche in einem Fernsehinterview mit. Die bisherigen Aufforderungen der neuen Staatenlenker, die französischen Streitkräfte abzuziehen und den Botschafter Frankreichs auszufliegen, hatte man in Paris wiederholt abgelehnt – und zwar mit der Begründung, dass Frankreich die nigrischen Putschisten nicht als „legitime“ Führung des Landes anerkenne. Nun lenkt Paris aber ein.
In letzter Zeit musste Frankreich eine Reihe von Demütigungen und antifranzösischen Provokationen in Niger hinnehmen. Der mit dem Putsch als Staatschef aufgetretene General Abdourahamane Tchiani hatte zuletzt keine Lebensmittellieferungen mehr zur Botschaft der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich zugelassen. Zuvor war dem französischen Botschafter bereits seine Akkreditierung im Land entzogen worden. Nach Informationen des französischen Außenministeriums waren die Lebensbedingungen für den Botschafter somit immer prekärer geworden. Er ernähre sich von militärischen „Notfallrationen“, hieß es. Macron verlautbarte, dass der französische Botschafter seit dem Putsch in Niger in „Geiselhaft“ sitzen würde.
Der von der Militärregierung Anfang August ernannte neue Ministerpräsident Ali Lamine Zeine hatte zuvor erklärt, die französischen Streitkräfte hielten sich fortan „illegal“ in Niger auf. Frankreich kündigte danach an, einen Teilabzug seiner Truppen in Niger vollziehen zu wollen. In den vergangenen Wochen demonstrierten immer wieder tausende Menschen in Niger für einen Abzug der französischen Truppen aus dem westafrikanischen Land. Paris hat noch etwa 1.500 Soldaten in Niger stationiert. Laut der jüngsten Entscheidung Macrons sollen aber nun die gesamten französischen Streitkräfte das Land verlassen. Dabei ist auch anzumerken, dass auch für die französischen Soldaten im Land kein Nachschub mit Lebensmitteln mehr garantiert sein soll. In der französischen Presse gab es sogar Berichte, wonach die französischen Soldaten selbst ihren Unmut bereits lautstark bekunden würden.
Nigers neue Regierung warf Frankreich mehrfach eine Einmischung in innere Angelegenheiten des Landes vor. Die Junta in Niger beschuldigte insbesondere den französischen Präsidenten Macron, der seine Unterstützung für den gestürzten Staatschef Mohamed Bazoum bekräftigt hatte, eine „neokoloniale Operation gegen das nigrische Volk“ fortzusetzen.
Frankreich scheint sukzessive seinen seit Kolonialzeiten traditionellen Einfluss in Afrika zu verlieren. Niger ist nur ein weiterer Schritt auf dem Weg des schwindenden Einflusses in Afrika. Für Frankreich scheint die Ausgangslage im Sahel besonders ungünstig zu sein: Nach der Putsch-Serie in den ehemaligen französischen Kolonien Mali, Burkina Faso und Niger folgte in den Wochen danach noch ein Staatsstreich in Gabun. Die jüngsten Putsche innerhalb von weniger als drei Jahren haben Frankreichs Stellung geschwächt, Macron spricht schon über eine „Epidemie von Putschen“. Aus Burkina Faso und Mali hat sich Frankreich mit seinen Truppen bereits zurückgezogen.
Durch die Politik der Françafrique, die zu Beginn der Entkolonialisierung im Jahr 1959 eingeführt wurde, sicherte sich Paris den weiteren Zugang zu den Ressourcen Afrikas und wahrte damit seine Wirtschafts- und Handelsinteressen. Die Serie von Militärputschen in der Sahel-Zone hat nun die Dynamik zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien grundlegend verändert.
Während der Entkolonialisierung konzentrierten sich die Franzosen darauf, einen bedeutenden Einfluss auf die neuen Institutionen ihrer ehemaligen Kolonien zu behalten. Frankreich prägte die Region vor allem durch den CFA-Franc, zwei regionale Währungen, die vom französischen Schatzamt gestützt und an den Euro gekoppelt worden sind. Der CFA-Franc hat es französischen Unternehmen ermöglicht, weiterhin in den ehemaligen Kolonien tätig zu sein, wobei Paris billige Rohstoffe von Françafrique bezogen hat. Das Uran in Niger zum Beispiel wurde viele Jahre lang zu Spottpreisen ausschließlich von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich aufgekauft. Da das französische Schatzamt den CFA-Franc stützt, diktiert Paris ihre Währungspolitik. Die Länder können die Wechselkurse nicht anpassen, um die einheimische Industrie zu fördern. Stattdessen bleiben sie auf den Export von Rohstoffen beschränkt.
Nun scheinen sich die Fronten zwischen Kolonialherren und afrikanischen Völkern verhärtet zu haben. In dem Versuch, ihre Souveränität wiederzuerlangen und ihre sozioökonomischen Modelle neu zu gestalten, könnten weitere Länder der Region auf die militärische Führung setzen, um die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal zu übernehmen.


