Islamabad sieht in der Annäherung zwischen Indien und den Taliban die Gefahr, einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt zu sein. Indien versucht, sich durch die Aufnahme von Beziehungen zu den Taliban aus der Isolation in der Region zu befreien.

Die Bombenanschläge in den Hauptstädten Indiens und Pakistans erfolgten im Abstand von nur einem Tag und führten zu nahezu identischen Schäden und Folgen. Bei jeder Explosion kamen etwa ein Dutzend Menschen ums Leben. Es handelte sich um die schwersten Anschläge in beiden Städten seit mehr als zehn Jahren. Zwischen den Explosionen gab es keinen direkten Zusammenhang. Sie ereigneten sich jedoch in einer Zeit schwelender Spannungen zwischen den südasiatischen Rivalen, nur wenige Monate, nachdem die beiden Länder einen viertägigen militärischen Konflikt im Mai ausgetragen hatten.
Bei dem Selbstmordanschlag vor einem Gerichtsgebäude in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad wurden zwölf Menschen getötet und 27 weitere verletzt. Laut Innenminister Mohsin Naqvi sprengte sich der Attentäter neben einem Polizeiwagen in die Luft, nachdem er vergeblich versucht hatte, in das Gerichtsgebäude zu gelangen. Die pakistanischen Taliban, auch Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) genannt, bekannten sich zu dem Anschlag. In einer Stellungnahme erklärte die TTP: „Richter, Anwälte und Beamte, die Urteile nach den unislamischen Gesetzen Pakistans gefällt haben, waren das Ziel.” Die TTP drohte mit weiteren Anschlägen, bis in dem mehrheitlich muslimischen Land die islamische Scharia eingeführt werde. Die pakistanische Regierung beschuldigte die afghanischen Taliban, TTP-Kämpfern einen sicheren Hafen und bewaffnete Unterstützung zu gewähren. Kabul bestreitet dies jedoch.
Die Bluttat dürfte die Spannungen mit dem Nachbarland weiter anfachen. Islamabad hatte im Oktober Ziele in Afghanistan bombardiert. Daraufhin lieferten sich beide Seiten Grenzgefechte, bevor unter Vermittlung Katars eine temporäre Waffenruhe vereinbart wurde. Seitdem verhandeln Unterhändler Afghanistans und Pakistans in Istanbul unter Vermittlung der Türkei und Katars ergebnislos über einen dauerhaften Waffenstillstand.
In Neu-Delhi explodierte ein Auto, ein kleiner Hyundai. Der Ort des Geschehens war die unmittelbare Nähe zum Roten Fort, einem UNESCO-Weltkulturerbe, das täglich von Tausenden Touristen aus dem In- und Ausland besucht wird. Auch zu diesem Zeitpunkt am frühen Abend war die Gegend in der Altstadt von Delhi noch voller Menschen. Die indische Polizei ermittelt inzwischen in Richtung eines Terroranschlags. Indien untersucht den Bombenanschlag in Delhi als Terrorakt. Das Kabinett von Premierminister Modi bezeichnete den Anschlag als „grausamen Terroranschlag“. Seit dem verheerenden Anschlag in Neu-Delhi, bei dem in einem belebten Teil der Altstadt mindestens neun Menschen getötet und 20 weitere verletzt wurden, haben sich indische Beamte in ihren Äußerungen zurückhaltend geäußert. Die Regierung hat noch keine Verantwortlichen benannt.
Das liegt unter anderem daran, dass die direkten Vorwürfe in Richtung Islamabads bereits die Lage im Mai nach dem Massaker an einem Touristenpicknickplatz in Kaschmir verschärft haben. Kaschmir gehört zu der zwischen Indien und Pakistan umstrittenen Region. Bewaffnete identifizierten seinerzeit die hinduistischen Touristen anhand ihrer Religion und töteten sie vor den Augen ihrer Familien. Daraufhin beschuldigte der indische Premierminister Narendra Modi Pakistan, die Angreifer beherbergt zu haben, und ordnete Militärschläge an. Hinzu kommt, die Ermittlungen zu dem Anschlag in der Hauptstadt könnten sich als komplexer erweisen als nach dem jüngsten Anschlag in Kaschmir, der einen viertägigen Krieg zwischen Indien und Pakistan auslöste. Neu-Delhi steht auch im Visier anderer Terrorgruppen wie des sogenannten Islamischen Staates.
Indien wirft Pakistan seit Langem vor, militante Gruppen zu fördern und ihnen Zuflucht sowie Unterstützung zu gewähren, damit diese auf indischem Territorium Gewalt ausüben. In den letzten Jahren hat Pakistan ähnliche Vorwürfe gegen Indien verstärkt: Neu-Delhi unterstütze militante und separatistische Kräfte, die gegen den pakistanischen Staat kämpfen.
Taliban-Rückkehr und die neue Gemengelage
Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan haben sich die regionalen Machtverhältnisse weiter verschoben und verkompliziert. Afghanistan teilt eine 2.575 Kilometer lange Grenze mit Pakistan. Islamabad unterstützte die Taliban während ihres 20-jährigen Aufstands gegen die von den USA unterstützte Republik in Kabul. Nun wirft man ihnen jedoch vor, mit Indien zusammenzuarbeiten, um militante Gruppen zu unterstützen, die Anschläge in Pakistan verüben.
In pakistanischen Fernsehsendungen und Regierungsverlautbarungen wird die afghanische Taliban-Regierung mittlerweile meist als „von Indien unterstützt“ bezeichnet, wobei der Fokus auf dem Erzfeind liegt. Die Spannungen haben sich durch die diplomatische Annäherung der Taliban an Pakistans Erzfeind Indien weiter verschärft. Nur wenige Stunden, bevor der Taliban-Außenminister Amir Khan Muttaqi im Oktober zu einem mehrtägigen Besuch in Indien eintraf, bombardierte das pakistanische Militär erstmals die afghanische Hauptstadt Kabul. In Kabul wurde das als Warnung verstanden, die Beziehungen zu Indien nicht weiter auszubauen. Islamabad sieht in der Annäherung die Gefahr, mit einer Art Zweifrontenkrieg konfrontiert zu werden. Das Land bezichtigt Indien, von Afghanistan aus pakistanische Terrorgruppen zu unterstützen. Indien sieht in den Vorwürfen einen Versuch Pakistans, davon abzulenken, dass es selbst antiindische Terrorgruppen unterstütze. Der Konflikt zwischen den beiden Rivalen hat sich unter anderem verschärft, seit Trump die pakistanische Regierung umwirbt und zugleich Neu-Delhi mit Zöllen droht. Indien fühlt sich in der Region zunehmend isoliert und sucht durch eine Annäherung an die Taliban ein neues strategisches Gleichgewicht.
