Schlagwort: Geopolitik

  • Die letzte Bastion der Armee im Westen fällt: Wird Sudan das neue Libyen?

    Mit der Einnahme von al-Faschir durch die RSF-Miliz tritt der Bürgerkrieg im Sudan in eine neue Phase ein. Der Sudan ist auch Schauplatz regionaler und globaler Konflikte.

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    Nach der Eroberung der Großstadt al-Faschir in der westsudanesischen Region Darfur durch die „Schnellen Unterstützungskräfte“ (RSF) tritt der Bürgerkrieg im Sudan in eine neue Phase ein. Durch die Einnahme der Millionenstadt kontrolliert die Miliz im Krieg gegen die sudanesischen Streitkräfte (SAF) nun die gesamte Region Darfur.

    Die RSF hatte am Wochenende mitgeteilt, dass die Miliz das Hauptquartier in al-Faschir eingenommen habe. Die Armee äußerte sich zunächst nicht dazu. Erst am Montagabend räumte der Armee- und De-facto-Staatschef Abd al-Fattah al-Burhan in einer Fernsehansprache den Fall der Stadt ein. 

    Im Sudan tobt seit April 2023 ein brutaler Machtkampf zwischen dem De-facto-Machthaber Abdel-Fattah al-Burhan und seinem ehemaligen Stellvertreter Mohamed Hamdan Daglo, der die RSF-Miliz kommandiert. Tatsächlich stellt die Einnahme al-Faschirs durch die RSF einen beträchtlichen Rückschlag für die Armee dar. Fast eineinhalb Jahre lang hatte die Stadt der Belagerung getrotzt, doch seit August haben die RSF ihre Angriffe mit Artillerie und Drohnen verstärkt und die Verteidiger der Zentralregierung immer stärker unter Druck gesetzt.

    Al-Faschir war die letzte Bastion der Armee in der westlichen Region Darfur, die ein Zentrum der Gewalt im seit 2023 ist. Mit der Armee verbündete Milizen beschuldigen die RSF, bei der Eroberung der Stadt mehr als 2.000 Zivilisten getötet zu haben. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind nun auf der Flucht.

    In einer Stellungnahme am Montag in Malaysia bezeichnete UN-Generalsekretär António Guterres den Fall von al-Faschir als „schreckliche Eskalation“ des Krieges. Er forderte die Einstellung der ausländischen Militärhilfe für die Kriegsparteien. „Das Problem sind nicht nur die Kämpfe zwischen der Armee und der RSF, sondern auch die zunehmende Einmischung von außen, die die Aussichten auf einen Waffenstillstand und eine politische Lösung untergräbt“, wurde er von einem UN-Sprecher zitiert. Zwar nannte Guterres kein bestimmtes Land, jedoch haben die sudanesische Regierung und Menschenrechtsgruppen wiederholt die Vereinigten Arabischen Emirate beschuldigt, durch die Lieferung von Waffen an die RSF in den Krieg verwickelt zu sein. Der Golfstaat weist den Vorwurf zurück.

    Sudan ist Schauplatz regionaler und globaler Konflikte

    Der Konflikt im Sudan ist von dem Einfluss ausländischer Mächte geprägt. Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten, Saudi-Arabien, Russland und die USA sind dort präsent. Am häufigsten wird derzeit auf die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate verwiesen. Der Golfstaat unterhält enge Beziehungen zur RSF-Milizgruppe, deren Top-General Mohammed Daglo sich weigert, sich den regulären Streitkräften des Sudans unterzuordnen. Daglo wiederum wirft Ägypten vor, die sudanesische Armee mit Kampfflugzeugen und Soldaten zu unterstützen. Kairo hat bereits seit Längerem Truppen im Sudan stationiert und begründet die Präsenz ägyptischer Truppen offiziell mit einer Trainingsmission. Die ägyptische Führung unterhält seit Jahrzehnten traditionell enge Beziehungen zum sudanesischen Militär.

    Der Sudan hat in diesem Jahr bereits die Errichtung eines russischen Militärstützpunkts an der Küste des Roten Meeres genehmigt. Damit würde sich Russland den USA und China anschließen, die beide Stützpunkte in Dschibuti unterhalten. Der Abzug der russischen Truppen aus Syrien nach dem Sturz von al-Assad hat den Kreml dazu veranlasst, militärische Ressourcen nach Libyen und in den Sudan umzuschichten. Moskau plante seit Langem, in der Hafenstadt Port Sudan einen Marinestützpunkt zu errichten, um die Kontrolle über den Handel am Roten Meer zu erlangen und ein Gegengewicht zur US-Militärpräsenz in Dschibuti zu etablieren. Dort haben auch die Chinesen einen Stützpunkt. Russland spielte allerdings ein doppeltes Spiel. Das sudanesische Paramilitär (RSF) wird bereits seit Längerem durch General Chalifa Haftar in Ostlibyen unterstützt, der wiederum gute Beziehungen zur Kremlführung unterhält.

    Al-Faschir war die letzte Stadt der Großregion Darfur, die von der Armee gehalten wurde. RSF-General Daglo strebt im Westen Sudans einen eigenen Warlord-Staat an, der sich der sudanesischen Staatlichkeit entzieht. Ein ähnliches Gebiet kontrolliert General Haftar im benachbarten Osten Libyens. Damit zeichnet sich eine Zweiteilung des Landes ab: Der Westen und Teile des Südens stehen unter der Kontrolle der RSF, der Rest des Landes – inklusive der im Frühjahr zurückeroberten Hauptstadt Khartum – unter der Kontrolle der Armee. Es besteht bereits die Gefahr, dass der Sudan zum Schauplatz regionaler und globaler Rivalitäten wird. Eine ähnliche Dynamik ist aus dem Nachbarstaat Libyen bekannt, wo Parallelregierungen im Osten und Westen des Landes herrschen, die jeweils von verschiedenen ausländischen Mächten unterstützt werden.

  • Ukraine-Krieg: Wie will Trump durch Sanktionen gegen russische Ölkonzerne ein Friedensabkommen erzwingen?

    Unter Bidens Führung unternahm das Weiße Haus Anstrengungen, um einen Einbruch der russischen Ölexporte zu verhindern. Es legte deshalb einen Preisdeckel fest. Nun will Trump jedoch einen Rückgang der russischen Ölmengen forcieren.

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    Präsident Trump ist von der Kremlführung frustriert. Freundliche Anrufe, Treffen und die Aussicht auf ein Nachkriegsabkommen – all das konnte den russischen Staatschef Wladimir Putin nicht zu einem Friedensabkommen bewegen. Auch ein geplantes Treffen zwischen Trump und Putin in Ungarn wurde plötzlich vorerst abgesagt.

    In seinen ersten ernsthaften Strafmaßnahmen gegen Russland seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus verhängte Trump Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil, die beiden größten Ölkonzerne des Landes.  Die beiden Konzerne decken rund die Hälfte der russischen Rohölexporte ab. Daneben sind auch zahlreiche Tochterunternehmen betroffen. Konkret sollen Vermögenswerte und Beteiligungen der betroffenen Unternehmen in den USA eingefroren und Transaktionen in US-Dollar verboten werden. Ausländische Firmen, die mit den Unternehmen zusammenarbeiten, sind fortan Sekundärsanktionen ausgesetzt. Ziel sei es, so das US-Finanzministerium, „die Fähigkeit des Kremls zu schwächen, Einnahmen für seine Kriegsmaschinerie zu generieren und seine geschwächte Wirtschaft zu stützen”.

    Fast zeitgleich verabschiedete die EU ihr 19. Sanktionspaket gegen Russland. Dieses schreibt unter anderem ein vollständiges Transaktionsverbot für die Unternehmen Rosneft und Gazprom Neft vor. Darüber hinaus sollen russische Gasimporte ab 2027 komplett eingestellt werden.

    Diese Maßnahmen markieren einen Wandel in Trumps Haltung sowie im Umgang der USA mit Sanktionen. Unter Präsident Joe Biden unternahm das Weiße Haus große Anstrengungen, um einen Einbruch der russischen Ölexporte – und damit einen Anstieg der Preise an den amerikanischen Tankstellen – zu verhindern. Das Ziel der Amerikaner sei es gewesen, den Preis möglichst zu drücken, aber die russische Ölmenge nicht komplett vom Weltmarkt fernzuhalten, hieß es damals. Bei den G7-Gipfeltreffen zu Sanktionen unmittelbar nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurde der russische Energiesektor zunächst auch mit Rücksicht auf die Europäer ausgenommen. Das änderte sich später: Es wurden verschiedene Schritte unternommen, um den Preis, den Russland für den Export seines Öls erzielen konnte, niedrig zu halten. So wurde für Tanker-Unternehmen, Banken und Versicherer, die mit russischem Öl zu tun hatten, ein Preisdeckel von 60 Dollar je Barrel festgelegt. Auf eine konsequente Listung von Rosneft und Lukoil auf der SDN-Liste (Sanktionsliste des US-Finanzministeriums) wurde jedoch verzichtet, um den „globalen Fluss des Öls“ nicht abreißen zu lassen. Nun scheinen die USA den Rückgang der russischen Ölmengen forcieren zu wollen, da die Welt mit einem Angebotsüberschuss auf dem Ölmarkt konfrontiert sei. Die neuen Sanktionen sind auch möglich, da sich die makroökonomische Situation seit Ukraine-Krieg verändert hat und die USA nicht mehr ganz so stark auf die Inflation achten müssen.

    Zunächst bleibt unklar, ob der Sinneswandel der USA ausreichen wird, um Käufer davon abzuhalten, russische Lieferungen zu einem günstigeren Preis zu beziehen. Immerhin gab es zuletzt aber Nachrichten, die darauf hindeuten, dass sich bei den Haupt-Ölabnehmern China und Indien etwas bewegen könnte. So berichteten Medien, dass staatliche chinesische Unternehmen, darunter Sinopec, den Erwerb einiger Spotladungen Öl der Sorte ESPO, das aus dem Fernen Osten Russlands stammt, abgesagt hätten. Die Lieferungen über Pipelines dürften dennoch weitergehen, da die Zahlungen auf einem Darlehensprogramm basieren, das nicht über westliche Banken abgewickelt wird.

    Indiens größter Raffineriebetreiber, Reliance Industries, hat zudem angekündigt, die russischen Ölimporte gemäß den Richtlinien der Regierung „neu zu kalibrieren“. Reliance hat einen direkten Vertrag mit dem russischen Ölunternehmen Rosneft. Die meisten indischen Raffinerien importieren russisches Rohöl jedoch über Dritt- oder sogar Vierthändler, die nicht auf der schwarzen Liste stehen. Sie werden ihre Käufe vermutlich nur auf Anweisung ihrer politischen Führung drosseln.

    Ölpreis-Schock

    Ölhändler an den Börsen waren überrascht, als US-Präsident Trump neue Sanktionen gegen Russland ankündigte. In den vergangenen Tagen ist der Preis für Rohöl in Deutschland und den USA um fast sieben Prozent gestiegen. Auf dem Markt herrscht jedoch weiterhin Skepsis darüber, ob die US-Sanktionen zu einer grundlegenden Veränderung von Angebot und Nachfrage führen werden. Bislang haben die Sanktionen der letzten dreieinhalb Jahre weder die Fördermengen noch die Öleinnahmen Russlands wesentlich beeinträchtigt.

    Kurzfristig werden die Spannungen vermutlich zu einem Rückgang der russischen Exportmengen führen. Um eine nachhaltigere Wirkung zu erzielen, müsste Trump einerseits den indischen Premier Modi davon abhalten, Öl aus Russland zu beziehen, und andererseits sicherstellen, dass Russland keine alternativen Abnehmer findet. Trumps Spielraum ist gegenüber den Chinesen hingegen nicht sehr groß. Laut Beobachtern würde ein vollständiger Boykott Indiens jedoch ausreichen, um Russland ernsthaft zu schädigen. Allerdings würden die Weltmarktpreise dadurch um mindestens 10 bis 15 Dollar pro Barrel ansteigen, verglichen mit dem bisherigen Anstieg um 7 Dollar. Deshalb hat Trump derzeit auch ein Auge auf die Ölreserven in Venezuela. Ein Putschversuch oder eine Militärintervention unter dem Deckmantel der Drogenbekämpfung in der Karibik käme ihm gelegen, um sich Zugang zu den Ölvorkommen Venezuelas zu verschaffen.

  • Der lachende Dritte sitzt in Indien: Eskaliert der Konflikt zwischen Taliban und Pakistan?

    Im Grenzgebiet liefern sich Pakistan und Afghanistan heftige Kämpfe. Bei den Kämpfen kam es unter Vermittlung Katars bereits zu zwei brüchigen Waffenruhen. Der Besuch des Taliban-Außenministers in Indien hat dem Konflikt zusätzlichen Zündstoff verliehen.

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    Seit Tagen tobt ein Scharmützel an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan. Bei dem Konflikt kam es unter Vermittlung Katars bereits zu zwei brüchigen Waffenruhen. Mittlerweile zeichnet sich ein beunruhigendes Muster ab. Die Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP), also der pakistanische Ableger der Taliban, intensiviert ihre Angriffe in den Grenzprovinzen Pakistans. Als Reaktion darauf bombardiert Pakistan TTP-Ziele in Afghanistan. An der Grenze kam es inzwischen auch zu tödlichen Gefechten zwischen Taliban-Kämpfern und der pakistanischen Armee.

    Auslöser war ein Anschlag der TTP Mitte Oktober, bei dem elf pakistanische Soldaten, darunter ein Oberstleutnant, getötet wurden. Pakistan reagierte mit Luftangriffen auf Kabul, die sich gegen Noor Wali Mehsud, den Anführer der TTP, richteten. Mehsuds Anwesenheit in der afghanischen Hauptstadt deutet auf eine Vertiefung der Beziehungen zwischen der TTP und den Taliban hin.

    Bisher konzentrierte sich die Gewalt der TTP vor allem auf die ehemaligen Stammesgebiete und die südliche Provinz Khyber Pakhtunkhwa in Pakistan. Der jüngste pakistanische Mordanschlag auf die Führung der TTP in Kabul könnte jedoch die Spielregeln ändern. Der Anschlag könnte nämlich dazu führen, dass die TTP künftig auch zivile Ziele in urbanen Zentren ins Visier nimmt. Dies würde schreckliche Erinnerungen an die Zeit zwischen der Gründung der TTP im Jahr 2007 und dem Höhepunkt ihrer Partisanenkämpfe in Pakistan im Jahr 2014 wachrufen. Die eskalierende Gewalt in den Städten könnte wiederum dazu führen, dass die pakistanischen Streitkräfte tiefer in Afghanistan eindringen. Aus Angst vor einem Flächenbrand drängen befreundete Länder zur Zurückhaltung. Saudi-Arabien und Katar drängen auf einen Dialog. Auch das chinesische Außenministerium hat eine Erklärung veröffentlicht.

    Das Heikle dabei war, dass ein Großteil der Kämpfe der vergangenen Woche entlang der Grenze im Osten Afghanistans in Hochburgen des Haqqani-Netzwerks stattfand. Dabei handelt es sich um eine Fraktion der afghanischen Taliban, die langjährige Verbindungen zum pakistanischen Geheimdienst ISI unterhält. Nun werfen die pakistanischen Behörden dem Haqqani-Netzwerk Doppelzüngigkeit vor. Dadurch wird auch deutlich, wie sehr sich die Beziehungen zwischen Pakistan und den Taliban verschlechtert haben.

    Seit die Taliban Macht in Afghanistan übernommen haben, hat die TTP ihren Kampf gegen den pakistanischen Staat intensiviert. Sie greifen militärische Stellungen an und verüben Selbstmordattentate. Das ist durchaus ironisch, wenn man bedenkt, dass die pakistanische Führung und die Geheimdienste den Aufstieg der Taliban seit deren Gründung im Jahr 1994 maßgeblich förderten. Inzwischen soll Pakistan die Taliban wiederholt aufgefordert haben, gegen die TTP vorzugehen. Die Taliban wiederum bestreiten jede Verbindung zu der Gruppe – ganz ähnlich, wie Islamabad jahrelang jede Verbindung zu den Taliban bestritten hatte.

    Taliban und Indien nähern sich an

    Der Konflikt erhielt zusätzlichen Zündstoff durch einen spektakulären Besuch: Der Außenminister der Taliban, Amir Khan Muttaqi, besuchte vor Kurzem Indien, Pakistans großen Rivalen. Erst im Mai lieferten sich Indien und Pakistan vier Tage lang Gefechte. Der Besuch war auch bemerkenswert: Indien betrachtet die Taliban eigentlich als Bedrohung, da es sich die Bekämpfung des Islamismus auf die Fahne geschrieben hat. Neu-Delhi unterstützte seinerzeit den Einmarsch der US-Truppen in Afghanistan.

    Die Annäherung an Islamisten könnte damit begründet werden, dass Neu-Delhi mit Sorge beobachtet, wie China seinen Einfluss in Afghanistan ausbaut. Zudem nutzt Indien jede Gelegenheit, um seinen Erzfeind Pakistan in der Region einzudämmen.

    Für die Taliban war die Reise nach Neu Dehli ein wichtiger diplomatischer Erfolg. Sie ist ein weiterer Schritt aus der internationalen Isolation, nachdem Russland im Juli als erster Staat Taliban offiziell anerkannt hatte. Zwar haben auch andere Länder Muttaqi schon empfangen, aber noch kein Partnerstaat des Westens. Der Besuch bot zudem den Taliban die Gelegenheit, zu zeigen, dass sie nicht von Pakistan abhängig sind. Die Islamisten fühlen sich von ihrem einstigen Förderer bevormundet und möchten sich als unabhängiger Akteur in der Region etablieren.

    Im Streit mit dem US-Präsidenten Donald Trump um den früheren US-Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan haben die Taliban diplomatische Rückendeckung aus der Region erhalten. Nicht nur Länder wie China, Russland und Pakistan, von denen es zu erwarten war. Auch Indien schloss sich der gemeinsamen Erklärung an, was die Zeitung „Indian Express“ als „unerwartete Wende“ bezeichnete.

    Pakistan dürfte die Annäherung zwischen den Taliban und Indien hingegen als weitere Bestätigung dafür betrachten, dass es an der Zeit ist, den Taliban Grenzen aufzuzeigen. Diese Gemengelage wird höchstwahrscheinlich zu einer weiteren Eskalation des Konflikts führen. China hat daran vermutlich kein Interesse, da das Seidenstraßen-Projekt des Landes quer durch Mittelasien gefährdet wäre.


  • Auftakt für Regimewechsel in Venezuela? US-Krieg gegen Terror im neuen Gewand

    Trump bezeichnet Drogenhändler als „Terroristen“. Im Gegensatz zu Al-Kaida oder dem sogenannten Islamischen Staat töten die Kartelle Menschen jedoch nicht aus politischen Gründen. Trump will Zugang zu billigen Ölreserven.

    Die Lage in der Karibik vor Küste Venezuelas eskaliert immer weiter. So haben die USA in den vergangenen Wochen fünf Schnellboote beschossen, die Rauschgift transportiert haben sollen. Vor kurzem traf es dann ein Unterwasserboot. Insgesamt sollen bereits 29 Menschen getötet worden sein. Trump bezeichnet sie als „Terroristen“. Zwei Überlebende des jüngsten Militärschlags wurden zur Inhaftierung und Strafverfolgung in ihre Heimatländer Ecuador und Kolumbien überstellt. Damit umgeht Trump einen Rechtsstreit darüber, wie mit ihnen umgegangen werden soll.

    In Venezuela brodelt die Gerüchteküche: Angeblich könnten die USA bald eine Militäroperation starten, um den Präsidenten Nicolás Maduro zu stürzen. Die meisten dieser Spekulationen wurden von der US-Regierung selbst angeheizt, nachdem Trump angekündigt hatte, dem Geheimdienst CIA verdeckte Operationen in Venezuela zu erlauben. Das erinnert an frühere Zeiten, als die USA im als „Hinterhof“ bezeichneten Lateinamerika Regierungswechsel herbeiführten. Trump sieht in Maduro einen Rauschgiftboss und bezeichnet ihn als „Narco-Terroristen“. Im August verdoppelte sie die Belohnung für die Festnahme Maduros auf 50 Millionen Dollar.

    Angesichts einer befürchteten Militärintervention der USA beantragte Venezuela am 9. Oktober eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates, um die Krise zu erörtern. Der Zeitpunkt dieser Sitzung erwies sich jedoch als ungünstig. Sie fand nur wenige Stunden nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an María Corina Machado statt. Die Oppositionsführerin hält sich in Venezuela versteckt, seit sie nach eigenen Angaben den „Nachweis“ erbracht hatte, dass die Wahlen im Juli des vergangenen Jahres manipuliert worden waren.

    In der US-Regierung herrscht gewissermaßen Meinungsverschiedenheit darüber, wie gegen die Maduro-Regierung vorgegangen werden soll. Der für die Streitkräfte in der Karibik zuständige US-Admiral Alvin Holsey ist vor kurzem nach einem Jahr im Amt zurückgetreten.  Dies erfolgte  nur wenige Tage, nachdem Trump öffentlich erklärt hatte, dass er die CIA ermächtigt habe, in Venezuela zu operieren.

    Der US-Außenminister Marco Rubio ist die treibende Kraft hinter den Militärschlägen in der Karibik. Offenbar hat er sich mit seiner harten Linie innerhalb der Regierung durchgesetzt. Er bezeichnet Maduro als „illegitimen Führer“, der „vor der amerikanischen Justiz flüchtig“ ist, und steht der diplomatischen Vorgehensweise des US-Sonderbeauftragten Richard Grenell skeptisch gegenüber.  In der Karibik wurde die Truppenzahl seit Ende August auf rund 10.000 Soldaten zu Land und auf See aufgestockt. Die Präsenz ist damit so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Vor einigen Tagen flogen zwei B-52-Langstreckenbomber mehrere Stunden lang vor der Küste Venezuelas.

    Zugang zu billigen Ölreserven

    Offiziell soll die US-Militäroperation den Rauschgifthandel bekämpfen. Wie US-Medien kürzlich enthüllten, hat Trump bereits vor langer Zeit entschieden, dass sich die USA in einem „bewaffneten Konflikt” mit Drogenkartellen befinden. Hinter dem offiziellen Narrativ verbergen sich jedoch knallharte geopolitische Interessen, denn sonst würden die Kriegsschiffe bereits vor Kolumbien oder Peru stationiert sein.

    Gewaltsamer Regimewechsel oder Zugeständnisse Maduros an USA durch Diplomatie – was auch immer Trump vorhat, so ist das Ziel klar: Maduro soll endlich von der Macht vertrieben werden.

    Trump bezeichnet Dogendealer als „Terroristen“. Auch frühere Präsidenten setzten Drohnen ein, um mutmaßliche Terroristen an Orten zu töten, an denen eine Festnahme unmöglich war. Barack Obama ordnete 563 gezielte Tötungen mutmaßlicher Terroristen in krisengeschüttelten Ländern wie Pakistan, Somalia und dem Jemen an. Dabei starben zwischen 64 und 801 Zivilisten. Diese Tötungen waren zwar umstritten, hatten aber eine glaubwürdige rechtliche Grundlage: Der Kongress hatte den Einsatz militärischer Gewalt gegen Al-Kaida genehmigt, nachdem diese im Jahr 2001 Flugzeuge gezielt in zwei New Yorker Wolkenkratzer und das Pentagon gesteuert und dabei 3.000 Menschen getötet hatte. Anders als Al-Kaida oder der sogenannte Islamische Staat töten aber die Kartelle Menschen nicht aus politischen Gründen. Sie verkaufen Drogen, um Geld zu verdienen.

    Die Nobelpreisvergabe an María Machado könnte darauf hindeuten, dass der Westen seine Softwaremacht einsetzen will, um eine legitime Basis für eine Militärintervention in Venezuela zu finden. Maduro hat angedeutet, dass er im Falle eines solchen Schritts den Ausnahmezustand ausrufen würde, was die Inhaftierung weiterer Oppositionsaktivisten nach sich ziehen könnte. Bereits jetzt sitzen Hunderte im Gefängnis. Galoppierende Inflation, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Korruption sind die Merkmale Venezuelas unter der Führung von Maduro. Nicht alles ist ihm zuzuschreiben. Einige Probleme, wie beispielsweise der überbordende Staatsapparat, wurden ihm von seinem Vorgänger vererbt. Zudem erstickten die USA die venezolanische Wirtschaft jahrelang bewusst mit Sanktionen.

    Vor Kurzem berichtete die New York Times, Maduro habe versucht, Trumps Geschäftssinn anzusprechen, indem er der US-Regierung im Gegenzug für gute Beziehungen einen großen Anteil an Venezuelas Öl- und anderen Bodenschätzen anbot. Dieser Versuch scheint jedoch gescheitert zu sein, denn Trump wies seinen Sondergesandten für Venezuela, Richard Grenell, an, jeglichen Kontakt mit Caracas abzubrechen, um zunächst einmal mehr Druck aufzubauen. Trump will Zugang zu den gewaltigen Ölreserven Venezuelas. Dabei geht es für ihn um eine offene Rechnung aus seiner ersten Amtszeit, um Rache im Namen der US-amerikanischen Großkonzerne und um die Chance, venezolanisches Öl auf den Weltmarkt zu bringen und somit die Ölpreise zu senken. Die Entscheidung des damaligen Machthabers Chávez, die Ölindustrie zu verstaatlichen, markierte schon einen entscheidenden Bruch mit der Ära der Konzernherrschaft der USA.

    Spannend dabei ist, dass der US-amerikanische Ölkonzern Chevron eine Arbeitsgemeinschaft (Joint Venture) mit dem staatlichen venezolanischen Ölunternehmen Petróleos de Venezuela (PDVSA) unterhält. Somit ist Chevron der Hauptkanal, über den US-Firmen wieder venezolanisches Öl auf den US-amerikanischen und internationalen Markt bringen können. Wenn Produkte von Chevron oder PDVSA wieder regelmäßig in die USA geliefert würden, würden davon nicht nur die US-Raffinerien, sondern auch große Rohölhändler profitieren. Washington möchte jedoch abwenden, dass mögliche Gewinne nach Caracas abfließen. Es ist vorstellbar, dass Trump durch eine Drohkulisse erst den Deal mit Venezuela unter der Regierung von Joe Biden neu verhandeln möchte – zu besseren Konditionen für die US-Konzerne.