Kategorie: Allgemein

  • Friedensbemühungen im Ukraine-Krieg: Vollzieht Trump eine Kehrtwende in seiner Russlandpolitik?

    Trump hat Putin 50 Tage Zeit gegeben, um einem Ukraine-Deal zuzustimmen. US-Präsident will auch Ukraine Waffen liefern. Aber Trump ist nicht Biden.

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    Im Wahlkampf hatte Donald Trump immer wieder versprochen, innerhalb von 24 Stunden einen Deal zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu vermitteln. Nach seinem ersten Telefonat mit Putin im Februar, nach seinem Wahlsieg, schwärmte Trump von den „großen Vorteilen” einer Annäherung an Russland und schien sich auf einen Besuch im Kreml zu freuen. Allmählich änderte Trump seine Meinung. Nach mehreren ergebnislosen Telefonaten mit Putin sagte er Ende April erstmals, er bekomme den Eindruck, dass der russische Präsident ihn zu manipulieren versuche und den Krieg gar nicht beenden wolle.

    Trump will die Kremlführung nun innerhalb von 50 Tagen zu einem „Deal“ bewegen. Sollte Moskau in diesem Zeitraum keinem „Deal” zur Beendigung des Ukrainekriegs zustimmen, würde Washington Sekundärzölle in Höhe von 100 Prozent gegen Abnehmer von russischem Öl, Gas und Uran verhängen. Zudem will er massiv Waffen an Kiew liefern. Dabei geht es um Raketen, Munition und das Flugabwehrsystem Patriot. Die Lieferung soll mit den europäischen NATO-Partnern koordiniert werden. Dies verkündete Trump bei einem Treffen im Weißen Haus am Montag mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

    In zweifacher Hinsicht hat Trump seine Russland-Politik geändert. Erstens droht er Russland und seinen Handelspartnern mit neuen Wirtschaftssanktionen, die er mit einem Ultimatum verbindet. Zweitens hat er sich bereit erklärt, die Ukraine aufzurüsten. Bisher bezeichnete Trump den Krieg gegen die Ukraine mit Blick auf seinen Vorgänger stets als „Bidens Krieg”. Indem er einen neuen Weg ankündigt, wie die Ukraine Hilfe erhalten kann, macht er diesen Krieg gewissermaßen auch zu „seinem Krieg”. Insofern stellt sich die Frage, ob die neue Russlandpolitik der Trump-Regierung eine Rückkehr zur Politik seines Vorgängers darstellt. Offenbar nicht, denn die USA schicken der Ukraine zwar neue Waffen, Trump lässt jedoch diesmal die Europäer die Kosten tragen, anstatt wie bisher aus amerikanischen Beständen zu spenden. Trump wird Waffen an Kiew liefern, wobei freilich ausnahmslos die NATO-Partner die Kosten tragen würden.

    Hinzu kommt: Er sieht Zölle als Mittel zur Erreichung einer Reihe von Zielen – von der Erhöhung der Staatseinnahmen im Inland bis hin zur Beendigung von Kriegen im Ausland. Seine Entscheidungen sind dabei äußerst wechselhaft: So hat er wiederholt Zölle angekündigt, nur um dann deren teilweise Aufhebung auszuhandeln. Es geht Trump nämlich nicht darum, die russische Wirtschaft durch Zölle in die Knie zu zwingen, sondern Putin zu einem Kompromiss zu bewegen, ohne an einem Sanktionsregime festzuhalten. Im Vergleich zum Entwurf des US-Kongresses für Strafmaßnahmen gegen Moskau fällt Trumps Sanktionsvorschlag abgeschwächt aus. Der Entwurf des US-Kongresses sieht eine Steuer von 500 Prozent auf Importe aus Ländern vor, die weiterhin russisches Öl und Gas kaufen.

    Die Ölmärkte schienen von der Androhung von Zöllen, von denen potenziell Länder wie China, Indien und Brasilien betroffen wären, unbeeindruckt. Dies deutet darauf hin, dass sie daran zweifeln, dass sie jemals umgesetzt werden.

    Es ist fraglich, ob Trumps neue Strategie überhaupt umsetzbar ist, um Russland zum Einlenken zu zwingen. Erstens bleibt abzuwarten, wie Trump solche neuen Zölle mit seinem umfassenderen Handelskrieg vereinbaren wird. Seine Sekundärsanktionspolitik dürfte nämlich mit seinen immer wieder unterbrochenen Bemühungen kollidieren, Indien in eine Partnerschaft gegen China zu ziehen.

    Auch bei der Lieferung von Waffen bleibt zunächst unklar, wie viele Patriot-Batterien und Abfangraketen die USA bereitstellen würden. Luftabwehrsysteme sind weltweit knapp, nicht zuletzt, weil die USA während des zwölftägigen Israel-Iran-Kriegs viele Abfangraketen eingesetzt haben, um Israel und Katar vor iranischen Raketen zu schützen. Tatsächlich setzte das Pentagon im Juni die Lieferung von Patriot-Abfangraketen und anderen Waffen an die Ukraine kurzzeitig aus – angeblich, bis eine Überprüfung der amerikanischen Bestände erfolgt sei. Trump widerrief diese Anordnung allerdings bald. Für Israel gab es jedoch keine solche Aussetzung.

  • Nach Rückschlägen in Nahost: Moskau verliert an Einfluss im Kaukasus

    Seit der Machtübernahme der Islamisten in Syrien und der Schwächung des Irans durch den jüngsten Krieg mit Israel hat sich der Einfluss Russlands im Nahen Osten signifikant verringert. Mittlerweile verschwindet im Zuge des Ukraine-Kriegs auch Russlands Einfluss im eigenen Hinterhof, dem Kaukasus.

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    In den vergangenen Jahren waren die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf andere Regionen, in denen Russland als wichtiger Akteur gilt, enorm. Russland ist militärisch nicht in der Lage, einen Zweifrontenkrieg zu führen. So sah es beispielsweise tatenlos zu, wie sein Verbündeter Iran im Zuge des zwölftägigen Krieges von den Atommächten USA und Israel angegriffen wurde. Moskau konnte weder Luftabwehr noch Jets an den Iran schicken. Diese werden im Ukraine-Krieg benötigt. Als Islamisten letztes Jahr Damaskus einnahmen, konnte die Kremlführung nichts anderes tun, als ihrem Verbündeten Assad zur Flucht zu verhelfen. In diesem Fall waren zu viele russische Kräfte im Ukraine-Krieg gebunden, sodass keine Einheiten verlegt werden konnten.

    Nach den Rückschlägen im Nahen Osten schwindet auch der Einfluss Russlands im Südkaukasus langsam. Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan und der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew treffen sich am 10. Juli in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate), um die nächsten Schritte zur Fertigstellung des Friedensabkommens zu besprechen – allerdings zum ersten Mal ohne Beteiligung Russlands. Sowohl der Bergkarabach-Krieg 2020 als auch der Ukraine-Krieg haben dazu geführt, dass Russland Stück für Stück Einfluss im Kaukasus verloren hat.

    Bis Herbst 2023 erlangte Aserbaidschan mit stiller Unterstützung der Türkei die vollständige Kontrolle über die zuvor von Armeniern besiedelte und in den 1990er-Jahren besetzte Region Bergkarabach zurück. Als Aserbaidschan im Jahr 2020 eine Offensive startete, um die Enklave zurückzuerobern, weigerte sich der Kreml, Armenien bei der Verteidigung zu unterstützen – unter anderem als Vergeltung für eine Protestbewegung zwei Jahre zuvor, durch die der prowestliche Nikol Paschinjan an die Macht gekommen war.
    Ursprünglich war Moskau vertraglich zum Schutz verpflichtet. Armenien war Mitglied der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), einer Art postsowjetischer NATO. Doch die russischen Friedenstruppen griffen in den Krieg nicht ein. Armenien hat später seine Mitgliedschaft im OVKS-Bündnis eingefroren und sucht aktiv nach neuen militärischen Partnern, beispielsweise Frankreich.

    Die Kremlführung gestattete Aserbaidschan damals, einige Gebiete um Bergkarabach einzunehmen, bevor Präsident Putin einen Waffenstillstand vermittelte. Dadurch konnte Russland Truppen unter dem Deckmantel von Friedenstruppen in Aserbaidschan stationieren. Als Russland jedoch 2023 durch den Krieg in der Ukraine abgelenkt war, nahm Aserbaidschan innerhalb von weniger als 24 Stunden ganz Bergkarabach ein, während die russischen Friedenstruppen den Überfall tatenlos zusahen. Da es keinen Vorwand mehr für ihren Verbleib gab, war Russland gezwungen, seine Truppen abzuziehen. Nach der letzten Runde des Karabach-Kriegs sah sich auch Armenien von seiner Schutzmacht Russland verraten und suchte neue Partner in der EU und den USA.

    Durch die Versöhnung zwischen Armenien und Aserbaidschan ohne Beteiligung Russlands erweitert der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seinen Einflussbereich konsequent in den Grenzen des ehemaligen Osmanischen Reiches. Er zielt auf die Wiederherstellung des sogenannten „Großen Turan” in den turksprachigen Regionen Asiens ab. Im Zuge dieser Politik träumt Erdoğan von einem türkisch-muslimischen Korridor durch Eurasien.

    Da Aserbaidschan sowohl von der Türkei als auch von Israel bewaffnet wird, ist das Land zu mächtig, als dass Russland offen gegen die Machtambitionen Alijews vorgehen könnte. Putins beste Hoffnung, seinen Einfluss zurückzugewinnen, dürfte daher in Armenien liegen, das von russischen Energie- und Nahrungsmittelimporten abhängig ist und in dem Russland noch immer einen Militärstützpunkt unterhält. Was Russland in Armenien jedoch fehlt, ist die Unterstützung durch einen Teil der Bevölkerung.
    Seit der Niederlage im Krieg gegen Aserbaidschan versucht das Land, sich vom russischen Einfluss zu lösen und sich dem Westen anzunähern. Noch wichtiger ist jedoch, dass Armenien seine Bemühungen um eine Normalisierung der Beziehungen zur Türkei intensiviert hat. Diese waren durch die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern durch osmanische Truppen in den Jahren 1915/16 belastet. Die Kremlführung hat bisher keine Mühen gescheut, Paschinjan loszuwerden, der im nächsten Jahr ohnehin vor Wahlen steht. Sie hofft auf eine Wiederholung des georgischen Szenarios, bei dem der moskautreue Oligarch Bidsina Iwanischwili und die Kirche die Westbindung des Landes stoppten und es wieder unter den Einfluss Russlands brachten.

  • Der neue Nahe Osten: USA und Israel normalisieren Beziehungen zu Islamisten in Syrien

    Die USA haben die Sanktionen gegen Syrien aufgehoben. Israel strebt Frieden mit Syrien und dem Libanon an. Nach dem jüngsten Krieg zwischen dem Iran und Israel scheint sich die Region neu zu gestalten.

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    Nach dem Krieg mit dem Iran soll Israel erstmals öffentlich seine Bereitschaft signalisiert haben, mit den Nachbarländern Syrien und Libanon ein Friedensabkommen zu schließen. Israel hält Territorien beider Länder besetzt, die sich formell im Kriegszustand mit Tel Aviv befinden. Zugleich hat US-Präsident Trump am 1. Juli die bisherigen Sanktionen seines Landes gegen Syrien per Verordnung aufgehoben.

    Mit seiner Executive Order skizziert Trump eine umfassende Kehrtwende in der US-Politik gegenüber Syrien aus dem Jahr 1979. US-Regierung soll die Einstufung Syriens als staatlicher Unterstützer von Terrorismus überprüfen – sowie jene des islamistischen Machthabers des Landes Ahmed al-Sharaa als Terrorist. Zudem soll der US-Außenminister Marco Rubio bei den Vereinten Nationen Möglichkeiten prüfen, um Sanktionen aufzuheben. Er wird durch das Dekret auch angewiesen zu prüfen, ob bestimmte Sanktionen ganz oder teilweise ausgesetzt werden sollten. Die heikle Sache dabei ist, dass die Trump-Regierung will Schritte zur Streichung von Hayat Tahrir al-Sham (HTS), einer ehemals von al-Scharaa geführten islamistischen Gruppe, von der US-Liste ausländischer Terrororganisationen überprüfen.

    Vor Kurzem haben die USA  erklärt, Syrien beim Wiederaufbau nach dem langen Bürgerkrieg zu unterstützen. Das Weiße Haus teilte mit, man werde die Fortschritte Syriens bei den wichtigsten Themen weiter beobachten. Dazu gehören demnach vor allem Schritte zur Normalisierung der Beziehungen zu Israel. Laut Informationen von Axios führt die Trump-Regierung „Vorgespräche“ mit Israel und Syrien über ein mögliches Sicherheitsabkommen zwischen den langjährigen verfeindeten Staaten. Zwar steht eine Normalisierung der Lage noch nicht zur Debatte, doch könnten die Gespräche den Grundstein für künftige diplomatische Bemühungen legen.

    Syrien war bis zum Sturz des Präsidenten Baschar al-Assad Ende 2024 Teil der vom Iran gelenkten sogenannten „Achse des Widerstands“ gegen Israel, zu der auch die Hisbollah und Huthi zählen.  Mit der Schwächung beziehungsweise Ausschaltung der wichtigsten Bündnispartner Teherans sieht Israel offenbar einen günstigen Zeitpunkt, seinen Machtanspruch gegenüber den beiden arabischen Nachbarländern auch vertraglich zu konsolidieren. Im Libanon ist die Position der Hisbollah geschwächt, seit Israel im Herbst 2024 die Führung der schiitischen Organisation getötet und einen Großteil ihres Raketenarsenals zerstört hat. Der Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien ermöglicht es Israel, das „Gesicht des Nahen Ostens“ zu verändern, wie es schon Netanjahu seinerzeit nach Machübernahme der Islamisten in Syrien formulierte.

    Israels Luftwaffe bombardierte nach dem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad durch Islamisten massiv militärische Einrichtungen in Syrien. Israels Armee verlegte zudem Truppen in die Pufferzone zwischen den von Israel besetzten Golanhöhen und dem Nachbarland Syrien.  Israel übernahm damit die Kontrolle über die Pufferzone zwischen den beiden Ländern und besetzte Gebiete innerhalb Syriens, darunter die syrische Seite des strategisch wichtigen Bergs Hermon.  Diese Pufferzone wurde 1974 bei einem Abkommen zwischen Israel und Syrien eingerichtet und wird von UN-Friedenstruppen überwacht.

    Netanjahus Ziel ist ein stufenweises Paket von Abkommen mit Syrien – beginnend mit einer modernisierten Version des Truppenentflechtungsabkommens von 1974 und letztlich gipfelnd in einem umfassenden Friedensabkommen und einer Normalisierung der Beziehungen.

    Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten bereits nach Reuters-Informationen im Mai einen Rückkanal für Gespräche zwischen der israelischen Regierung und islamistischen Machthabern in Syrien eingerichtet, um Sicherheitsfragen beider Länder zu erörtern. Die Gespräche zwischen syrischen und israelischen Vertretern sollen seither im Gange sein. Der syrische Machthaber al-Schara bestätigte inzwischen indirekte Gespräche mit Israel, die seiner Aussage nach dem Ziel einer Entspannung der Spannungen dienten. Die indirekten Kontakte sollen sich auf Sicherheits- und Geheimdienstangelegenheiten sowie auf die Vertrauensbildung zwischen Staaten ohne offizielle Beziehungen konzentriert haben.

    Inzwischen hat Axios auch enthüllt, dass Israel mit Syrien über mindestens vier verschiedene Kanäle kommuniziert: über Netanjahus nationalen Sicherheitsberater Tzachi Hanegbi, Mossad-Direktor David Barnea, Außenminister Gideon Saar für den politischen und strategischen Dialog sowie die israelischen Verteidigungsstreitkräfte für die alltägliche militärische Koordination. Im Zuge des Iran-Israel-Krieges soll Syrien seinen Luftraum freigehalten haben, damit die Israelis Angriffe auf den Iran fliegen konnten. Dies ist wegen Reichweite und Betankung der Flugzeuge und Kampfjets nicht unwesentlich.

  • Krieg gegen Iran: Ein brüchiger Sieg für Israel

    Der Iran hat im Krieg gegen Israel nicht kapituliert. Israel hat insofern einen Sieg errungen, als es das iranische Atomprogramm um Jahre zurückgeworfen hat.

    Israel und der Iran hätten gute Gründe, den Krieg nach einem zwölf Tage andauernden Schlagabtausch zu beenden. Netanjahu hat sein größtes Ziel bereits erreicht: Er hat Trump zu einem Schlag gegen die iranischen Atomanlagen bewegt, den Israel in dieser Form selbst nicht hätte führen können. Von außen lässt sich nicht beurteilen, wie erfolgreich der US-Angriff auf die Atomanlage Fordow war. Vermutlich hat das iranische Atomprogramm jedoch einen Rückschlag erlitten. Israel hat insofern einen Sieg errungen, als es das iranische Atomprogramm um Jahre zurückgeworfen hat.

    Nach den US-Angriffen auf Irans Atomanlagen steht nun die große Frage im Raum: Inwieweit hat der Angriff dem iranischen Atomprogramm geschadet? In seiner Rede im Weißen Haus erklärte Trump, das iranische Atomprogramm sei „vollständig und gänzlich vernichtet“ worden.

    Tel Aviv konnte das iranische Atomprogramm jedoch nicht vollständig vernichten. Der amerikanische Angriff auf drei iranische Nuklearanlagen hat das Atomprogramm des Irans in Teheran offenbar nur um einige Monate zurückgeworfen. Eine nachrichtendienstliche Einschätzung kam nach der Waffenruhe zu dem Ergebnis, dass das Bombardement der USA die Atomanlagen im Iran nicht zerstören konnte. Dies berichten die New York Times und der Sender CNN unter Berufung auf Regierungsvertreter, die mit dem Bericht des militärischen Geheimdienstes (DIA) vertraut sind.

    Hinzu kommt, angesichts der aktuellen Situation wird schon darüber spekuliert, ob es dem Iran gelungen ist, das bereits hochangereicherte Uran sowie die wichtigen Komponenten vor Angriffen der USA und Israels in Sicherheit zu bringen. Aufgrund der entstandenen Schäden wird auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) nicht in der Lage sein, die Bestände des Iran zu erfassen. Nach Informationen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) verfügt der Iran über 400 Kilogramm hochangereichertes Uran (HEU) mit einer Reinheit von 60 Prozent.

    Es gibt Berichte, denen zufolge der Iran vor dem US-Angriff seine Vorräte an hochangereichertem Uran an sichere Orte gebracht hat. Dabei ist anzumerken, dass Satellitenbilder ungewöhnliche Aktivitäten in Fordow wenige Tage vor dem US-Angriff zeigen. Hochauflösende Satellitenbilder, die am 19. und 20. Juni aufgenommen wurden, zeigen eine ungewöhnliche Ansammlung von Lastwagen und Fahrzeugen in der Nähe des Eingangs zur unterirdischen Brennstoffanreicherungsanlage. Georg Steinhauser, Professor für angewandte Radiochemie an der Technischen Universität Wien, schätzt, dass 400 Kilogramm keine große Menge seien und sich daher leicht schmuggeln lassen: „Das passt in drei Schuhkartons.“

    Der Iran verfügt über nukleares Know-how und einen Vorrat an hochangereichertem Uran. Ein Teil davon dürfte in einem optimistischen Szenario unter den Ruinen seiner Anlagen in Fordow und Isfahan unzugänglich sein. Es ist durchaus möglich, dass die nukleare Offensive langfristig wieder aufflammt.

    Der Iran verfügt noch immer über zahlreiche Raketenabschussrampen, selbst wenn nach Darstellung der israelischen Regierung die Hälfte davon zerstört worden sein sollte. Der Iran verfügt über zahlreiche Raketenstädte, die in ganzem Land verstreut sind und von israelischen Angriffen verschont geblieben sind. Die Schlagkraft des iranischen Raketenprogramms ist insofern weiterhin intakt. Auch die Israelis haben sich verkalkuliert, was die Reaktionen der iranischen Bevölkerung betrifft. Der Krieg hat die Iraner vereint und jegliche Gefahr von Unruhen nach der Zerschlagung der Militärführung im Land gebannt.

    Trump hat einen begrenzten Angriff durchgeführt. Dieser diente dazu, das iranische Atomprogramm um mehrere Jahre zurückzuwerfen. Der Präsident wollte eine breitere Eskalation vermeiden. Einen einmaligen Schlag gegen Anlagen, die eine potentielle nukleare Bedrohung darstellen, werden die isolationistischen Teile der MAGA-Bewegung ihrem Idol verzeihen.

    Der vergleichsweise kleine und eher symbolische iranische Gegenschlag auf einen amerikanischen Stützpunkt in Katar zeigt, dass dem Iran die militärische Überlegenheit der USA bewusst ist. Auch im Zuge des Iran-Israel-Konflikts wurde deutlich, dass China und Russland gar kein Interesse daran haben, ihrem Verbündeten Iran militärisch beizustehen. Im Gegenteil, sie haben sogar ein Interesse daran, dass US-Ressourcen in einen Krieg im Nahen Osten gebunden werden.

  • Der entscheidende Faktor für Iran-Israel-Krieg: Welcher Seite geht zuerst der Bestand an Raketen aus?

    Teherans Raketenarsenal wurde seit Ausbruch des Kriegs teilweise dezimiert. Auch der israelische Abfangschirm könnte bald an seine Grenzen gelangen. Es hängt nun davon ab, wie stark der Vorrat beider Seiten an Raketen in den vergangenen Tagen geschrumpft ist.

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    Zwanzig Monate nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober kämpft Tel Aviv in Gaza, im Libanon, in Syrien und im Jemen. Als am 13. Juni israelische Flugzeuge den Iran angriffen, wurde deutlich, dass diese Kampagnen gegen iranische Stellvertreter zu der heutigen folgenschweren Konfrontation zwischen dem jüdischen Staat und der Islamischen Republik geführt haben. Dieser Krieg wird den Nahen Osten ebenso verändern wie die arabisch-israelischen Kriege zwischen 1948 und 1973.

    Während Präsident Donald Trump zwischen Gesprächen mit dem Iran und dem Einsatz amerikanischer Flugzeuge und Raketen schwankt, stellen sich die Fragen, wie lange dieser Krieg dauern könnte und was dabei entscheidend ist. Solange sich die USA aus dem Krieg heraushalten, hängt alles davon ab, wie stark der Vorrat der beiden Seiten an Raketen in den vergangenen Tagen geschrumpft ist. Teherans Raketenarsenal wurde seit Ausbruch des Kriegs wohl stark dezimiert, aber auch Berichten zufolge der israelische Abfangschirm könnte an Grenzen gelangen.

    Israel hat laut Darstellung von Premierminister Netanjahu etwa die Hälfte der iranischen Raketenabschussrampen getroffen. Es sei nicht so wichtig, über wie viele Raketen der Iran verfüge, sondern wie viele Abschussrampen das Land habe, sagte der Regierungschef am am 20 Juni dem israelischen TV-Sender Kan. Vor den Angriffen Israels schätzte das US-Militär die Kapazität der iranischen Raketen auf 2.000 bis 3.000. Hinzu kommen Drohnen und Marschflugkörper. Wie viele davon inzwischen verschossen oder zerstört wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Bisher hat Israel eher die Lager für Mittelstreckenraketen getroffen, im Bereich der Kurzstreckenraketen verfügt der Iran aber noch über Fähigkeiten. Diese wurden von den iranischen Revolutionsgarden hauptsächlich entwickelt, um US-Stützpunkte in einer Entfernung von unter 1.000 Kilometern zu treffen.

    Ballistische Raketen sind unter anderem aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit schwer abzuwehren. Im Gegensatz zu Marschflugkörpern werden sie nur in der Startphase angetrieben. Sie fliegen in einer hohen ballistischen Kurve, teilweise außerhalb der Erdatmosphäre, bevor sie ihr Ziel erreichen. Im Vergleich zu den ersten Kriegstagen hat die Zahl der aus dem Iran auf Israel abgefeuerten Raketen zuletzt nachgelassen. Dies könnte unter anderem darauf hindeuten, dass Teheran die Bestände für einen langen Krieg schonen will.

    Auch für Tel Aviv ist ein Krieg mit dem Iran ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn Israel gehen laut Recherchen des Wall Street Journals und New York Times inzwischen die Langstrecken-Abfangraketen für das System Arrow aus, das ballistische Raketen aus Iran abfangen soll. Die USA unterstützen Tel Aviv zwar bereits mit Flugabwehr vom Typ THAAD und SM-3, doch auch diese sind knapp und vor allem teuer. Der Krieg zieht sich in die Länge und Israel feuert Abfangraketen schneller ab, als sie produziert werden können. Das wirft innerhalb des israelischen Sicherheitsapparats die Frage auf, ob dem Land die Luftabwehrraketen ausgehen werden, bevor der Iran sein ballistisches Arsenal aufgebraucht hat. Dies berichten acht aktive und ehemalige Beamte in Israel der NYT.

    Das israelische Militär muss bereits jetzt den Einsatz von Abfangraketen einschränken und der Verteidigung dicht besiedelter Gebiete sowie strategischer Infrastruktur eine höhere Priorität einräumen. Kein israelischer Regierungsvertreter wollte die Zahl der noch verfügbaren Abfangraketen preisgeben. Die Enthüllung dieses streng gehüteten Geheimnisses könnte dem Iran einen militärischen Vorteil verschaffen. Wenn es Israel gelingt, die iranischen Raketenbestände auszuschalten, bevor die Flugabwehr ausgeht, kann Iran aus der Luft kaum noch wirksam zuschlagen. Die für israelische Verhältnisse bereits hohe Zahl der Todesopfer könnte weiter steigen, wenn das israelische Militär den Einsatz von Abfangraketen einschränken müsste, um einige strategische Standorte wie den Atomreaktor Dimona im Süden Israels oder das Militärhauptquartier in Tel Aviv langfristig zu schützen.

    Der Ausgang des Krieges hängt zudem davon ab, wie lange beide Seiten die Schäden an ihrer Wirtschaft ertragen können und wie groß das Durchhaltevermögen der Bevölkerung angesichts der steigenden Zahl ziviler Todesopfer ist. Von entscheidender Bedeutung ist dabei auch, ob sich Präsident Trump mit Israel zusammenschließt und die iranische Atomanreicherungsanlage in Fordo im Norden des Landes angreift, oder ob der Iran sein Anreicherungsprogramm aufgibt, um eine solche Intervention zu verhindern.