Die Annäherung zwischen Pakistan und Saudi-Arabien fällt in eine Zeit, in der das Vertrauen der arabischen Golfstaaten in die USA als Schutz- und Ordnungsmacht in der Region gelitten hat. Durch den Militärpakt mit Islamabad will nun Riad die Kosten eines Angriffs auf das Königreich erhöhen.

Saudi-Arabien und Pakistan haben kürzlich ein Verteidigungsbündnis geschlossen. Damit schlüpft Riad faktisch unter Islamabads atomaren Schirm. Die saudisch-pakistanischen Verhandlungen liefen bereits seit Jahren. Dass der Militärpakt ausgerechnet beim Treffen zwischen dem saudischen Kronprinzen und dem pakistanischen Premierminister, verkündet wurde, ist allerdings alles andere als Zufall. Damit wollte Riad in erster Linie ein Signal an Israel schicken, dessen Armee kürzlich den Golfstaat Katar angegriffen hatte. Aber auch die Weltmacht USA darf sich angesprochen fühlen.
Unter den Monarchen am Persischen Golf herrscht großes Unbehagen über ein immer aggressiver agierendes Israel, das zunehmend als Bedrohung für die Stabilität der Region wahrgenommen wird und von seinen amerikanischen Partnern kaum eingedämmt wird. Das Abkommen ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Saudi-Arabien – der wichtigste arabische Alliierte der USA – seine strategischen und militärischen Partnerschaften diversifizieren will. Der Pakt mit Pakistan verschafft der arabischen Führungsmacht größeren Bewegungsspielraum gegenüber Washington. Riad strebt ein Verteidigungsabkommen mit den USA sowie Unterstützung beim Aufbau eines zivilen Atomprogramms an. Beides soll nach amerikanischem Willen Teil eines Pakets sein, das auch eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien vorsieht. Aus saudischer Sicht scheint dies wegen des Gaza-Krieges derzeit jedoch kaum denkbar.
Mit dem Abkommen stärkt Pakistan in einer Phase, in der die Rolle der USA als Garant im Nahen Osten zunehmend unsicherer wird und Konflikte an Schärfe gewinnen, seine regionale Stellung. Für Pakistan erfüllt der Pakt nämlich gleich mehrere Ziele. Erstens verschafft er dem Land diplomatisches Gewicht: An der Seite des einflussreichen Golfstaates kann Pakistan demonstrieren, dass es international keineswegs isoliert ist. Dies wurde vor allem deutlich, als Präsident Trump den Chef der pakistanischen Armee ins Weiße Haus eingeladen hatte. Zweitens eröffnen sich durch das Abkommen neue sicherheitspolitische und wirtschaftliche Chancen – von verstärkter Militärkooperation über Ausbildungsprogramme bis hin zu verlässlicher saudischer Finanz- und Energiehilfe. Drittens wirkt das Abkommen für Islambad zudem innenpolitisch stabilisierend.
Der Pakt birgt unberechenbare Risiken
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Spannungen zwischen Indien und Pakistan sowie der anhaltenden Rivalität zwischen den Golfstaaten und dem Iran in der Region wurde der Militärpakt zwischen Saudi-Arabien und Pakistan geschlossen. Nun laufen beide Staaten Gefahr, in die Konflikte der jeweils anderen Seite involviert zu werden. Sich in einen Konflikt mit dem Iran hineinziehen zu lassen, liegt jedoch eindeutig nicht im Interesse Islamabads. Ebenso wenig dürfte Riad daran gelegen sein, die Beziehungen zu Indien spürbar zu belasten. Das Abkommen kam zudem vier Monate nach einem kurzen militärischen Konflikt zwischen Indien und Pakistan zustande.
Als der heutige Kronprinz Mohammed bin Salman 2015 seinen blutigen Krieg gegen die mit dem Iran verbündeten Huthi im Jemen begann, verweigerte Pakistan die Unterstützung. Das Land wollte sich nicht in die Konflikte zwischen den Golfstaaten und Irans Stellvertretern in der Region involvieren. Islamabad wollte seine Beziehungen zu Teheran, mit dem es eine lange und unruhige Grenze teilt, nicht gefährden.
Nach Jahren der Annäherung verbindet Saudi-Arabien mit Neu-Delhi eine eigene „strategische Partnerschaft“, die auch den Verteidigungsbereich einschließt. Vor allem sind Indien und Saudi-Arabien Teil des strategischen Korridors (IMEC), den Chinas Machtausbau in der Region eindämmen musste. Kurz vor dem Hamas-Angriff auf Israel kündigten Indien, die Golfstaaten, die USA und die EU auf dem G20-Gipfel im September 2023 den ehrgeizigen Eisenbahn- und Schifffahrtskorridor namens Indien-Nahost-Europa-Korridor (IMEC) an. Dieser soll Indien über Saudi-Arabien und Israel mit Europa verbinden. Die Vereinbarung war seinerzeit ein herber Schlag für Chinas Einfluss in Eurasien und eine geopolitische Niederlage für den Iran im Nahen Osten.
In Riad hofft man nun, dass Indien die Sicherheitsinteressen des Königreichs berücksichtigt. Ob dieses Kalkül aufgeht, ist in einer so geopolitisch volatilen Welt allerdings alles andere als sicher. Auch die Pakistaner haben kein Interesse daran, Teheran mit diesem Schritt zu provozieren.
Der Iran und Indien bleiben jedoch die Akteure, die das in Riad verkündete Abkommen nun mit Argusaugen beobachten. Der Pakt, der nach NATO-Vorbild vorsieht, dass ein Angriff auf einen Vertragspartner als Angriff auf alle Vertragspartner gilt, verändert zwangsläufig die strategischen Kalküle in Teheran und Neu-Delhi.
Saudis wollen das israelische Nuklearmonopol in Nahost beenden
Für Saudi-Arabien, das wie andere Golfstaaten aufgrund der Häufigkeit der Raketenangriffe (Angriff des Irans auf US-Basis sowie Angriff Israels auf Hamas-Büro in Katar) verunsichert ist, könnte das Abkommen eine Möglichkeit darstellen, die Kosten eines Angriffs auf das Königreich zu erhöhen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Vorhaltungen westlicher Geheimdienste, Saudi-Arabien finanziere das pakistanische Atomwaffenprogramm, um im Zweifel schnell auf eine pakistanische Bombe zurückgreifen zu können. Auch jetzt wurde im Zuge des Verteidigungsabkommens sofort die Frage aufgeworfen, ob sich die Führung in Riad auf diese Weise pakistanische Atomwaffen „mietet“. Seit den 1960er Jahren flossen Milliarden aus der Ölmonarchie in das Land mit der weltweit zweitgrößten muslimischen Bevölkerung nach Indonesien. Ohne diese großzügige Unterstützung hätte Pakistan seine „islamische Bombe” wohl nie bauen können – jenen nuklearen Schutzschirm, der nun möglicherweise auch über Riad gespannt wird.
Die Atomanlagen des Irans wurden bei jüngsten US-Angriffen schwer beschädigt. Das Land verfügt jedoch über große Vorräte an angereichertem Uran und hat die Zusammenarbeit mit den Inspektoren ausgesetzt. Irans Parlament plant offenbar auch ein Gesetz, das den Austritt des Landes aus dem Atomwaffensperrvertrag vorsieht. Iran bleibt weiterhin ein atomare Schwellenstaat. Aus saudischer Sicht ist die angeschlagene Islamische Republik jedoch längst nicht mehr die größte Sorge. Der neue „bedrohliche” staatliche Akteur für die reichen Golfmonarchen ist die Atommacht Israel.
Nach seinem jüngsten Angriff auf den Iran soll Israel seine Atomanlage in Dimona insgeheim erweitert haben. Satellitenbilder zeigen eine verstärkte Bautätigkeit an der Atomanlage in Israel. Experten gehen davon aus, dass es sich dabei um einen neuen Reaktor oder eine Anlage zur Herstellung von Atomwaffen handeln könnte, wie die AP-Agentur Anfang September berichtete. Israel lässt keine internationalen Inspektionen oder Überprüfungen seiner Aktivitäten zu.
Der Eintritt des atomaren Pakistans in den Nahostkonflikt bedeutet das Ende des israelischen Nuklearmonopols. Durch den Militärpakt mit Islamabad will nun Riad die Kosten eines Angriffs auf das Königreich erhöhen. Der saudisch-pakistanische Verteidigungspakt verschiebt somit die Machtbalance im Nahen Osten. Es bleibt abzuwarten, wie sich die USA positionieren werden und wie China als Hauptrivale der USA versuchen wird, aus der neuen Konstellation in der Region Kapital zu schlagen.



