Autor: Seyed Alireza Mousavi

  • Der neue Nahe Osten: USA und Israel normalisieren Beziehungen zu Islamisten in Syrien

    Die USA haben die Sanktionen gegen Syrien aufgehoben. Israel strebt Frieden mit Syrien und dem Libanon an. Nach dem jüngsten Krieg zwischen dem Iran und Israel scheint sich die Region neu zu gestalten.

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    Nach dem Krieg mit dem Iran soll Israel erstmals öffentlich seine Bereitschaft signalisiert haben, mit den Nachbarländern Syrien und Libanon ein Friedensabkommen zu schließen. Israel hält Territorien beider Länder besetzt, die sich formell im Kriegszustand mit Tel Aviv befinden. Zugleich hat US-Präsident Trump am 1. Juli die bisherigen Sanktionen seines Landes gegen Syrien per Verordnung aufgehoben.

    Mit seiner Executive Order skizziert Trump eine umfassende Kehrtwende in der US-Politik gegenüber Syrien aus dem Jahr 1979. US-Regierung soll die Einstufung Syriens als staatlicher Unterstützer von Terrorismus überprüfen – sowie jene des islamistischen Machthabers des Landes Ahmed al-Sharaa als Terrorist. Zudem soll der US-Außenminister Marco Rubio bei den Vereinten Nationen Möglichkeiten prüfen, um Sanktionen aufzuheben. Er wird durch das Dekret auch angewiesen zu prüfen, ob bestimmte Sanktionen ganz oder teilweise ausgesetzt werden sollten. Die heikle Sache dabei ist, dass die Trump-Regierung will Schritte zur Streichung von Hayat Tahrir al-Sham (HTS), einer ehemals von al-Scharaa geführten islamistischen Gruppe, von der US-Liste ausländischer Terrororganisationen überprüfen.

    Vor Kurzem haben die USA  erklärt, Syrien beim Wiederaufbau nach dem langen Bürgerkrieg zu unterstützen. Das Weiße Haus teilte mit, man werde die Fortschritte Syriens bei den wichtigsten Themen weiter beobachten. Dazu gehören demnach vor allem Schritte zur Normalisierung der Beziehungen zu Israel. Laut Informationen von Axios führt die Trump-Regierung „Vorgespräche“ mit Israel und Syrien über ein mögliches Sicherheitsabkommen zwischen den langjährigen verfeindeten Staaten. Zwar steht eine Normalisierung der Lage noch nicht zur Debatte, doch könnten die Gespräche den Grundstein für künftige diplomatische Bemühungen legen.

    Syrien war bis zum Sturz des Präsidenten Baschar al-Assad Ende 2024 Teil der vom Iran gelenkten sogenannten „Achse des Widerstands“ gegen Israel, zu der auch die Hisbollah und Huthi zählen.  Mit der Schwächung beziehungsweise Ausschaltung der wichtigsten Bündnispartner Teherans sieht Israel offenbar einen günstigen Zeitpunkt, seinen Machtanspruch gegenüber den beiden arabischen Nachbarländern auch vertraglich zu konsolidieren. Im Libanon ist die Position der Hisbollah geschwächt, seit Israel im Herbst 2024 die Führung der schiitischen Organisation getötet und einen Großteil ihres Raketenarsenals zerstört hat. Der Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien ermöglicht es Israel, das „Gesicht des Nahen Ostens“ zu verändern, wie es schon Netanjahu seinerzeit nach Machübernahme der Islamisten in Syrien formulierte.

    Israels Luftwaffe bombardierte nach dem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad durch Islamisten massiv militärische Einrichtungen in Syrien. Israels Armee verlegte zudem Truppen in die Pufferzone zwischen den von Israel besetzten Golanhöhen und dem Nachbarland Syrien.  Israel übernahm damit die Kontrolle über die Pufferzone zwischen den beiden Ländern und besetzte Gebiete innerhalb Syriens, darunter die syrische Seite des strategisch wichtigen Bergs Hermon.  Diese Pufferzone wurde 1974 bei einem Abkommen zwischen Israel und Syrien eingerichtet und wird von UN-Friedenstruppen überwacht.

    Netanjahus Ziel ist ein stufenweises Paket von Abkommen mit Syrien – beginnend mit einer modernisierten Version des Truppenentflechtungsabkommens von 1974 und letztlich gipfelnd in einem umfassenden Friedensabkommen und einer Normalisierung der Beziehungen.

    Die Vereinigten Arabischen Emirate hatten bereits nach Reuters-Informationen im Mai einen Rückkanal für Gespräche zwischen der israelischen Regierung und islamistischen Machthabern in Syrien eingerichtet, um Sicherheitsfragen beider Länder zu erörtern. Die Gespräche zwischen syrischen und israelischen Vertretern sollen seither im Gange sein. Der syrische Machthaber al-Schara bestätigte inzwischen indirekte Gespräche mit Israel, die seiner Aussage nach dem Ziel einer Entspannung der Spannungen dienten. Die indirekten Kontakte sollen sich auf Sicherheits- und Geheimdienstangelegenheiten sowie auf die Vertrauensbildung zwischen Staaten ohne offizielle Beziehungen konzentriert haben.

    Inzwischen hat Axios auch enthüllt, dass Israel mit Syrien über mindestens vier verschiedene Kanäle kommuniziert: über Netanjahus nationalen Sicherheitsberater Tzachi Hanegbi, Mossad-Direktor David Barnea, Außenminister Gideon Saar für den politischen und strategischen Dialog sowie die israelischen Verteidigungsstreitkräfte für die alltägliche militärische Koordination. Im Zuge des Iran-Israel-Krieges soll Syrien seinen Luftraum freigehalten haben, damit die Israelis Angriffe auf den Iran fliegen konnten. Dies ist wegen Reichweite und Betankung der Flugzeuge und Kampfjets nicht unwesentlich.

  • Krieg gegen Iran: Ein brüchiger Sieg für Israel

    Der Iran hat im Krieg gegen Israel nicht kapituliert. Israel hat insofern einen Sieg errungen, als es das iranische Atomprogramm um Jahre zurückgeworfen hat.

    Israel und der Iran hätten gute Gründe, den Krieg nach einem zwölf Tage andauernden Schlagabtausch zu beenden. Netanjahu hat sein größtes Ziel bereits erreicht: Er hat Trump zu einem Schlag gegen die iranischen Atomanlagen bewegt, den Israel in dieser Form selbst nicht hätte führen können. Von außen lässt sich nicht beurteilen, wie erfolgreich der US-Angriff auf die Atomanlage Fordow war. Vermutlich hat das iranische Atomprogramm jedoch einen Rückschlag erlitten. Israel hat insofern einen Sieg errungen, als es das iranische Atomprogramm um Jahre zurückgeworfen hat.

    Nach den US-Angriffen auf Irans Atomanlagen steht nun die große Frage im Raum: Inwieweit hat der Angriff dem iranischen Atomprogramm geschadet? In seiner Rede im Weißen Haus erklärte Trump, das iranische Atomprogramm sei „vollständig und gänzlich vernichtet“ worden.

    Tel Aviv konnte das iranische Atomprogramm jedoch nicht vollständig vernichten. Der amerikanische Angriff auf drei iranische Nuklearanlagen hat das Atomprogramm des Irans in Teheran offenbar nur um einige Monate zurückgeworfen. Eine nachrichtendienstliche Einschätzung kam nach der Waffenruhe zu dem Ergebnis, dass das Bombardement der USA die Atomanlagen im Iran nicht zerstören konnte. Dies berichten die New York Times und der Sender CNN unter Berufung auf Regierungsvertreter, die mit dem Bericht des militärischen Geheimdienstes (DIA) vertraut sind.

    Hinzu kommt, angesichts der aktuellen Situation wird schon darüber spekuliert, ob es dem Iran gelungen ist, das bereits hochangereicherte Uran sowie die wichtigen Komponenten vor Angriffen der USA und Israels in Sicherheit zu bringen. Aufgrund der entstandenen Schäden wird auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) nicht in der Lage sein, die Bestände des Iran zu erfassen. Nach Informationen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) verfügt der Iran über 400 Kilogramm hochangereichertes Uran (HEU) mit einer Reinheit von 60 Prozent.

    Es gibt Berichte, denen zufolge der Iran vor dem US-Angriff seine Vorräte an hochangereichertem Uran an sichere Orte gebracht hat. Dabei ist anzumerken, dass Satellitenbilder ungewöhnliche Aktivitäten in Fordow wenige Tage vor dem US-Angriff zeigen. Hochauflösende Satellitenbilder, die am 19. und 20. Juni aufgenommen wurden, zeigen eine ungewöhnliche Ansammlung von Lastwagen und Fahrzeugen in der Nähe des Eingangs zur unterirdischen Brennstoffanreicherungsanlage. Georg Steinhauser, Professor für angewandte Radiochemie an der Technischen Universität Wien, schätzt, dass 400 Kilogramm keine große Menge seien und sich daher leicht schmuggeln lassen: „Das passt in drei Schuhkartons.“

    Der Iran verfügt über nukleares Know-how und einen Vorrat an hochangereichertem Uran. Ein Teil davon dürfte in einem optimistischen Szenario unter den Ruinen seiner Anlagen in Fordow und Isfahan unzugänglich sein. Es ist durchaus möglich, dass die nukleare Offensive langfristig wieder aufflammt.

    Der Iran verfügt noch immer über zahlreiche Raketenabschussrampen, selbst wenn nach Darstellung der israelischen Regierung die Hälfte davon zerstört worden sein sollte. Der Iran verfügt über zahlreiche Raketenstädte, die in ganzem Land verstreut sind und von israelischen Angriffen verschont geblieben sind. Die Schlagkraft des iranischen Raketenprogramms ist insofern weiterhin intakt. Auch die Israelis haben sich verkalkuliert, was die Reaktionen der iranischen Bevölkerung betrifft. Der Krieg hat die Iraner vereint und jegliche Gefahr von Unruhen nach der Zerschlagung der Militärführung im Land gebannt.

    Trump hat einen begrenzten Angriff durchgeführt. Dieser diente dazu, das iranische Atomprogramm um mehrere Jahre zurückzuwerfen. Der Präsident wollte eine breitere Eskalation vermeiden. Einen einmaligen Schlag gegen Anlagen, die eine potentielle nukleare Bedrohung darstellen, werden die isolationistischen Teile der MAGA-Bewegung ihrem Idol verzeihen.

    Der vergleichsweise kleine und eher symbolische iranische Gegenschlag auf einen amerikanischen Stützpunkt in Katar zeigt, dass dem Iran die militärische Überlegenheit der USA bewusst ist. Auch im Zuge des Iran-Israel-Konflikts wurde deutlich, dass China und Russland gar kein Interesse daran haben, ihrem Verbündeten Iran militärisch beizustehen. Im Gegenteil, sie haben sogar ein Interesse daran, dass US-Ressourcen in einen Krieg im Nahen Osten gebunden werden.

  • Der entscheidende Faktor für Iran-Israel-Krieg: Welcher Seite geht zuerst der Bestand an Raketen aus?

    Teherans Raketenarsenal wurde seit Ausbruch des Kriegs teilweise dezimiert. Auch der israelische Abfangschirm könnte bald an seine Grenzen gelangen. Es hängt nun davon ab, wie stark der Vorrat beider Seiten an Raketen in den vergangenen Tagen geschrumpft ist.

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    Zwanzig Monate nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober kämpft Tel Aviv in Gaza, im Libanon, in Syrien und im Jemen. Als am 13. Juni israelische Flugzeuge den Iran angriffen, wurde deutlich, dass diese Kampagnen gegen iranische Stellvertreter zu der heutigen folgenschweren Konfrontation zwischen dem jüdischen Staat und der Islamischen Republik geführt haben. Dieser Krieg wird den Nahen Osten ebenso verändern wie die arabisch-israelischen Kriege zwischen 1948 und 1973.

    Während Präsident Donald Trump zwischen Gesprächen mit dem Iran und dem Einsatz amerikanischer Flugzeuge und Raketen schwankt, stellen sich die Fragen, wie lange dieser Krieg dauern könnte und was dabei entscheidend ist. Solange sich die USA aus dem Krieg heraushalten, hängt alles davon ab, wie stark der Vorrat der beiden Seiten an Raketen in den vergangenen Tagen geschrumpft ist. Teherans Raketenarsenal wurde seit Ausbruch des Kriegs wohl stark dezimiert, aber auch Berichten zufolge der israelische Abfangschirm könnte an Grenzen gelangen.

    Israel hat laut Darstellung von Premierminister Netanjahu etwa die Hälfte der iranischen Raketenabschussrampen getroffen. Es sei nicht so wichtig, über wie viele Raketen der Iran verfüge, sondern wie viele Abschussrampen das Land habe, sagte der Regierungschef am am 20 Juni dem israelischen TV-Sender Kan. Vor den Angriffen Israels schätzte das US-Militär die Kapazität der iranischen Raketen auf 2.000 bis 3.000. Hinzu kommen Drohnen und Marschflugkörper. Wie viele davon inzwischen verschossen oder zerstört wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Bisher hat Israel eher die Lager für Mittelstreckenraketen getroffen, im Bereich der Kurzstreckenraketen verfügt der Iran aber noch über Fähigkeiten. Diese wurden von den iranischen Revolutionsgarden hauptsächlich entwickelt, um US-Stützpunkte in einer Entfernung von unter 1.000 Kilometern zu treffen.

    Ballistische Raketen sind unter anderem aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit schwer abzuwehren. Im Gegensatz zu Marschflugkörpern werden sie nur in der Startphase angetrieben. Sie fliegen in einer hohen ballistischen Kurve, teilweise außerhalb der Erdatmosphäre, bevor sie ihr Ziel erreichen. Im Vergleich zu den ersten Kriegstagen hat die Zahl der aus dem Iran auf Israel abgefeuerten Raketen zuletzt nachgelassen. Dies könnte unter anderem darauf hindeuten, dass Teheran die Bestände für einen langen Krieg schonen will.

    Auch für Tel Aviv ist ein Krieg mit dem Iran ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn Israel gehen laut Recherchen des Wall Street Journals und New York Times inzwischen die Langstrecken-Abfangraketen für das System Arrow aus, das ballistische Raketen aus Iran abfangen soll. Die USA unterstützen Tel Aviv zwar bereits mit Flugabwehr vom Typ THAAD und SM-3, doch auch diese sind knapp und vor allem teuer. Der Krieg zieht sich in die Länge und Israel feuert Abfangraketen schneller ab, als sie produziert werden können. Das wirft innerhalb des israelischen Sicherheitsapparats die Frage auf, ob dem Land die Luftabwehrraketen ausgehen werden, bevor der Iran sein ballistisches Arsenal aufgebraucht hat. Dies berichten acht aktive und ehemalige Beamte in Israel der NYT.

    Das israelische Militär muss bereits jetzt den Einsatz von Abfangraketen einschränken und der Verteidigung dicht besiedelter Gebiete sowie strategischer Infrastruktur eine höhere Priorität einräumen. Kein israelischer Regierungsvertreter wollte die Zahl der noch verfügbaren Abfangraketen preisgeben. Die Enthüllung dieses streng gehüteten Geheimnisses könnte dem Iran einen militärischen Vorteil verschaffen. Wenn es Israel gelingt, die iranischen Raketenbestände auszuschalten, bevor die Flugabwehr ausgeht, kann Iran aus der Luft kaum noch wirksam zuschlagen. Die für israelische Verhältnisse bereits hohe Zahl der Todesopfer könnte weiter steigen, wenn das israelische Militär den Einsatz von Abfangraketen einschränken müsste, um einige strategische Standorte wie den Atomreaktor Dimona im Süden Israels oder das Militärhauptquartier in Tel Aviv langfristig zu schützen.

    Der Ausgang des Krieges hängt zudem davon ab, wie lange beide Seiten die Schäden an ihrer Wirtschaft ertragen können und wie groß das Durchhaltevermögen der Bevölkerung angesichts der steigenden Zahl ziviler Todesopfer ist. Von entscheidender Bedeutung ist dabei auch, ob sich Präsident Trump mit Israel zusammenschließt und die iranische Atomanreicherungsanlage in Fordo im Norden des Landes angreift, oder ob der Iran sein Anreicherungsprogramm aufgibt, um eine solche Intervention zu verhindern.

  • Krieg zwischen Iran und Israel: Schicksalsmoment im Nahost-Konflikt

    Israel will die Nahost dominieren. Eine Niederlage Teherans hätte Chaos im Land zur Folge und würde die Ausbreitung des islamistischen Erdoğanismus in der gesamten Region begünstigen – flankiert von israelischer Expansionspolitik.

    Seit Freitag hat sich der militärische Konflikt zwischen Israel und dem Iran zu einem Krieg ausgeweitet. Seither überziehen sich Israel und der Iran mit schweren Angriffen. Seit den frühen Morgenstunden des 13. Juni hat Tel Aviv Hunderte Luftangriffe geflogen. Der Iran reagierte mit Salven ballistischer Raketen und Drohnen, von denen Dutzende die israelischen Verteidigungssysteme durchdrangen.

    Vor einem Jahr hatte Israel mit Schwierigkeiten zu kämpfen: Es steckte im Gazastreifen fest, war von Feinden umgeben, die vom Iran unterstützt wurden, und stand unter dem Druck Washingtons, die Kämpfe einzustellen.
    Nun gestaltet Israel den Nahen Osten nach seinen eigenen Vorstellungen. Netanjahu hat Trump regelrecht vorgeführt, indem er den Angriff auf den Iran startete, obwohl zuvor eine weitere Verhandlungsrunde zwischen Amerikanern und Iranern geplant war.

    Israel nutzte die diplomatischen Bemühungen der USA als Deckmantel für einen Überraschungsangriff, der weit über das iranische Atomprogramm hinausgeht und vielmehr darauf abzielt, die Islamische Republik zu lähmen.

    Trump hatte zuvor versprochen, die USA aus den Konflikten im Nahen Osten herauszuhalten. Nun befahl er US-Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen, Israel vor iranischen Gegenangriffen zu schützen. Jeder Versuch des Iran, amerikanische Militäreinrichtungen anzugreifen oder die Öllieferungen aus dem Persischen Golf zu unterbinden, könnte Washington tiefer in den Krieg hineinziehen.

    Die Frage ist, wie lange Teheran seine Vergeltungsschläge fortsetzen könnte. Nach israelischen Angaben verfügt der Iran über etwa 2.000 ballistische Raketen mit einer Reichweite, die Israel treffen könnte. Zudem stellt sich die Frage, wie nachhaltig Israel tatsächlich gegen das iranische Atomprogramm vorgehen kann. Dabei ist anzumerken, dass der Schaden an den iranischen Atomanlagen bisher begrenzt ist. Vier Tage nach Kriegsbeginn wurden lediglich zwei Hauptanlagen in Natanz und Isfahan sowie einige kleinere Anlagen getroffen. Experten sind sich einig, dass ein militärischer Erfolg Israels davon abhängt, ob es den israelischen Streitkräften gelingt, die Urananreicherung in der unterirdischen Atomanlage Fordow auszuschalten.  Für eine Eliminierung benötigt man bunkerbrechende Bomben, über die Israel nicht verfügt.

    Israel will die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm und ballistische Raketen abwehren. Nach der Zerschlagung der Hisbollah und dem Staatsstreich in Syrien strebt Israel nach Hegemonie im Nahen Osten. Für Israel kommt es in den kommenden Tagen voll auf die Dynamik an: Kann Israel den Anschein des Erfolgs aufrechterhalten, kann es möglicherweise Präsident Trump für sich gewinnen. Doch falls die Zerstörung der Atomanlagen langsamer voranschreitet und die Zahl der Opfer in die Höhe schießt, könnte Trump auf ein Ende des Krieges drängen, bevor Israel seine Ziele erreicht hat.

    Für den Iran geht es in diesem Krieg um seine Vision für die Zukunft. Seit dem Angriff Israels auf den Iran steht nicht nur Irans Einfluss im Nahen Osten auf dem Spiel, sondern auch die Existenz der Islamischen Republik Iran. Eine Niederlage für Teheran würde Chaos im Land bedeuten und die Ausbreitung des islamistischen Erdoğanismus in der gesamten Region begünstigen, flankiert von israelischer Expansionspolitik.

  • Washington evakuiert Personal aus Nahost: Steuert die Region auf einen Krieg zwischen Iran und Israel zu?

    Im Konflikt um das iranische Atomprogramm wird es konkret. Teheran muss langfristig einem regionalen Konsortium beitreten. Der Iran hat dem Vorschlag offenbar eine Absage erteilt. Nun bereiten sich beide Seiten auf einen offenen Krieg vor.

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    Aus Sicherheitsgründen reduziert die US-Regierung sowohl ihr Botschaftspersonal als auch die Zahl der Militärangehörigen im Nahen Osten.  Von den Maßnahmen sind neben US-Militärstützpunkten auch die Botschaften im Irak, in Kuwait und in Bahrain betroffen. Zunächst wurde kein offizieller Grund für diese Sicherheitsmaßnahme angegeben. Bei einem Auftritt in Washington wurde US-Präsident Donald Trump am 11. Juni gefragt, ob es stimme, dass US-Personal in Reichweite möglicher iranischer Gegenangriffe abgezogen werde. Er antwortete: „Sie werden abgezogen, weil es ein gefährlicher Ort sein könnte. Wir werden sehen, was passiert.“

    Die Seehandelsaufsicht der britischen Marine (UKMTO) teilte zudem mit, man sei über Spannungen informiert worden, „die zu einer Eskalation militärischer Aktivitäten führen könnten“. Schiffe sollten im Persischen Golf, im Golf von Oman und in der Straße von Hormus, einer für die Schifffahrt wichtigen Meerenge zwischen Iran und Oman, „vorsichtig sein“. Man fürchtet eine Blockade der Meerenge von Hormus durch die iranische Revolutionsgarde im Falle eines Kriegsausbruchs.

    Der iranische Verteidigungsminister Asis Nasirsadeh drohte kürzlich den USA im Falle einer militärischen Eskalation mit Konsequenzen. Im Falle eines Angriffs auf seine Atomanlagen werde der Iran ohne Rücksichtnahme all seine Stützpunkte in der Region ins Visier nehmen. Ein hochrangiger iranischer Sicherheitsbeamter sagt, die Islamische Republik befinde sich auf „höchster militärischer Alarmstufe“ und warnte, dass jeder Angriff der Vereinigten Staaten oder Israels eine schnelle und unerwartete Reaktion nach sich ziehen würde.

    Trump befindet sich derzeit in einem Dilemma: Einerseits gibt es die israelische Forderung nach einer Nullanreicherung, andererseits den Witkoff-Vorschlag. In den vergangenen Wochen haben die USA mehrfach gefordert, dass der Iran seine Urananreicherung vollständig einstellen muss. In dem schriftlichen Angebot, das Trumps Chefunterhändler Steve Witkoff den Iranern vor Kurzem zukommen ließ, sieht es jedoch offenbar anders aus. Demnach dürfte Teheran nach Unterzeichnung des Abkommens für einen begrenzten Zeitraum Uran für zivile Zwecke weiter anreichern – allerdings nur bis zu einem Grad von drei Prozent. Dies würde für mehrere Jahre gelten. So lange nämlich, bis ein regionales Konsortium neue Anreicherungsanlagen aufgebaut hätte, die dann auch Irans bislang einziges Atomkraftwerk beliefern könnten. Langfristig soll Teheran diesem Konsortium beitreten. Neben dem Iran und den USA könnten diesem Konsortium auch Saudi-Arabien und weitere arabische Staaten angehören. Sollte Trump sich darauf einlassen, müsste er mit Widerstand des israelischen Premiers rechnen, der alles tun dürfte, um ein solches Abkommen mit Teheran zu verhindern. Der Iran hat den Witkoff-Atomvorschlag allerdings als „unzureichend“ zurückgewiesen. Die Regierung in Teheran schließt ein Atomabkommen aus, das die Urananreicherung zu zivilen Zwecken im eigenen Land untersagt.

    Militärisch haben die USA bereits auf dem Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean aufgerüstet, um Trumps wiederholte Drohungen einer „militärischen Lösung“ im Falle diplomatischen Scheiterns zu untermauern. Frankreich, Deutschland und Großbritannien  haben auch mit der Aktivierung des „Snapback“-Mechanismus des JCPOA gedroht, der automatisch umfassende UN-Sanktionen wiedereinsetzen würde, sollte bis August kein Abkommen erzielt werden.

    Vor Kurzem berichteten iranische Behörden, an sensible Informationen aus Israel gelangt zu sein. Dazu sollen auch Dokumente über das geheime Nuklearprogramm Israels zählen. Der Staatssender im Iran nannte keine Details zu den Dokumenten oder dazu, wie Teheran in den Besitz der Geheimdienstinformationen gelangt sei. Es soll sich um „tausende Dokumente mit Bezug auf Atompläne und -einrichtungen“ Israels gehandelt haben. Was der Iran mit der Veröffentlichung der mutmaßlichen Atomdokumente erreichen will, bleibt zunächst unklar. Es wird jedoch spekuliert, dass der Iran sich für einen Angriff auf eine Atomanlage in Israel vorbereitet oder zumindest damit droht.  Israel erweitert seine Atomanlage in Dimona in der Wüste Negev bereits seit Längerem umfangreich. Bislang soll das Land dort das spaltbare Material für sein Atomwaffenarsenal hergestellt haben.

    Trotz der unterschiedlichen Positionen scheint vorerst keine der Seiten an einem Abbruch der Verhandlungen interessiert zu sein. Die 400 Kilogramm 60-prozentiges Uran des Irans sind eine gewichtige Verhandlungsmasse für die Ayatollahs in Teheran. Auch Trump wird eine direkte Konfrontation mit dem Iran vermeiden, solange es geht. In einem Telefonat mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu am Montag teilte Präsident Trump diesem mit, er glaube, dass es eine Chance gebe, ein Atomabkommen mit dem Iran zu erzielen, weshalb er derzeit gegen militärische Maßnahmen sei. Dies erklärten ein israelischer und ein US-amerikanischer Beamter gegenüber Axios. Damit sendet Washington widersprüchliche Signale in der Hoffnung, Teheran zu mehr Zugeständnissen bei seinem Atomprogramm zu zwingen. Die Trump-Regierung ist derzeit in zahlreiche Konflikte im Ausland und im eigenen Land verwickelt und kann sich keinen neuen Krieg im Nahen Osten leisten. Israel wird bei seinen Sicherheitsbedenken bezüglich der „Gefahr durch den Iran“ aber nicht unbedingt die US-Interessen berücksichtigen.