Der lachende Dritte sitzt in Indien: Eskaliert der Konflikt zwischen Taliban und Pakistan?

Im Grenzgebiet liefern sich Pakistan und Afghanistan heftige Kämpfe. Bei den Kämpfen kam es unter Vermittlung Katars bereits zu zwei brüchigen Waffenruhen. Der Besuch des Taliban-Außenministers in Indien hat dem Konflikt zusätzlichen Zündstoff verliehen.

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Seit Tagen tobt ein Scharmützel an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan. Bei dem Konflikt kam es unter Vermittlung Katars bereits zu zwei brüchigen Waffenruhen. Mittlerweile zeichnet sich ein beunruhigendes Muster ab. Die Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP), also der pakistanische Ableger der Taliban, intensiviert ihre Angriffe in den Grenzprovinzen Pakistans. Als Reaktion darauf bombardiert Pakistan TTP-Ziele in Afghanistan. An der Grenze kam es inzwischen auch zu tödlichen Gefechten zwischen Taliban-Kämpfern und der pakistanischen Armee.

Auslöser war ein Anschlag der TTP Mitte Oktober, bei dem elf pakistanische Soldaten, darunter ein Oberstleutnant, getötet wurden. Pakistan reagierte mit Luftangriffen auf Kabul, die sich gegen Noor Wali Mehsud, den Anführer der TTP, richteten. Mehsuds Anwesenheit in der afghanischen Hauptstadt deutet auf eine Vertiefung der Beziehungen zwischen der TTP und den Taliban hin.

Bisher konzentrierte sich die Gewalt der TTP vor allem auf die ehemaligen Stammesgebiete und die südliche Provinz Khyber Pakhtunkhwa in Pakistan. Der jüngste pakistanische Mordanschlag auf die Führung der TTP in Kabul könnte jedoch die Spielregeln ändern. Der Anschlag könnte nämlich dazu führen, dass die TTP künftig auch zivile Ziele in urbanen Zentren ins Visier nimmt. Dies würde schreckliche Erinnerungen an die Zeit zwischen der Gründung der TTP im Jahr 2007 und dem Höhepunkt ihrer Partisanenkämpfe in Pakistan im Jahr 2014 wachrufen. Die eskalierende Gewalt in den Städten könnte wiederum dazu führen, dass die pakistanischen Streitkräfte tiefer in Afghanistan eindringen. Aus Angst vor einem Flächenbrand drängen befreundete Länder zur Zurückhaltung. Saudi-Arabien und Katar drängen auf einen Dialog. Auch das chinesische Außenministerium hat eine Erklärung veröffentlicht.

Das Heikle dabei war, dass ein Großteil der Kämpfe der vergangenen Woche entlang der Grenze im Osten Afghanistans in Hochburgen des Haqqani-Netzwerks stattfand. Dabei handelt es sich um eine Fraktion der afghanischen Taliban, die langjährige Verbindungen zum pakistanischen Geheimdienst ISI unterhält. Nun werfen die pakistanischen Behörden dem Haqqani-Netzwerk Doppelzüngigkeit vor. Dadurch wird auch deutlich, wie sehr sich die Beziehungen zwischen Pakistan und den Taliban verschlechtert haben.

Seit die Taliban Macht in Afghanistan übernommen haben, hat die TTP ihren Kampf gegen den pakistanischen Staat intensiviert. Sie greifen militärische Stellungen an und verüben Selbstmordattentate. Das ist durchaus ironisch, wenn man bedenkt, dass die pakistanische Führung und die Geheimdienste den Aufstieg der Taliban seit deren Gründung im Jahr 1994 maßgeblich förderten. Inzwischen soll Pakistan die Taliban wiederholt aufgefordert haben, gegen die TTP vorzugehen. Die Taliban wiederum bestreiten jede Verbindung zu der Gruppe – ganz ähnlich, wie Islamabad jahrelang jede Verbindung zu den Taliban bestritten hatte.

Taliban und Indien nähern sich an

Der Konflikt erhielt zusätzlichen Zündstoff durch einen spektakulären Besuch: Der Außenminister der Taliban, Amir Khan Muttaqi, besuchte vor Kurzem Indien, Pakistans großen Rivalen. Erst im Mai lieferten sich Indien und Pakistan vier Tage lang Gefechte. Der Besuch war auch bemerkenswert: Indien betrachtet die Taliban eigentlich als Bedrohung, da es sich die Bekämpfung des Islamismus auf die Fahne geschrieben hat. Neu-Delhi unterstützte seinerzeit den Einmarsch der US-Truppen in Afghanistan.

Die Annäherung an Islamisten könnte damit begründet werden, dass Neu-Delhi mit Sorge beobachtet, wie China seinen Einfluss in Afghanistan ausbaut. Zudem nutzt Indien jede Gelegenheit, um seinen Erzfeind Pakistan in der Region einzudämmen.

Für die Taliban war die Reise nach Neu Dehli ein wichtiger diplomatischer Erfolg. Sie ist ein weiterer Schritt aus der internationalen Isolation, nachdem Russland im Juli als erster Staat Taliban offiziell anerkannt hatte. Zwar haben auch andere Länder Muttaqi schon empfangen, aber noch kein Partnerstaat des Westens. Der Besuch bot zudem den Taliban die Gelegenheit, zu zeigen, dass sie nicht von Pakistan abhängig sind. Die Islamisten fühlen sich von ihrem einstigen Förderer bevormundet und möchten sich als unabhängiger Akteur in der Region etablieren.

Im Streit mit dem US-Präsidenten Donald Trump um den früheren US-Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan haben die Taliban diplomatische Rückendeckung aus der Region erhalten. Nicht nur Länder wie China, Russland und Pakistan, von denen es zu erwarten war. Auch Indien schloss sich der gemeinsamen Erklärung an, was die Zeitung „Indian Express“ als „unerwartete Wende“ bezeichnete.

Pakistan dürfte die Annäherung zwischen den Taliban und Indien hingegen als weitere Bestätigung dafür betrachten, dass es an der Zeit ist, den Taliban Grenzen aufzuzeigen. Diese Gemengelage wird höchstwahrscheinlich zu einer weiteren Eskalation des Konflikts führen. China hat daran vermutlich kein Interesse, da das Seidenstraßen-Projekt des Landes quer durch Mittelasien gefährdet wäre.


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