Bombenangriff auf Katar: Israels gefährliches Spiel

Nach dem israelischen Bombenangriff auf Doha gelten die alten Spielregeln nicht mehr. Offensichtlich greift Israel überall in der Region an, wo es sich von seinen Feinden bedroht fühlt. Das Völkerrecht wird ad absurdum geführt und Doha fühlt sich von seiner Schutzmacht, den USA, verraten.

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Der Luftangriff am helllichten Tag auf ein Ziel in einem Wohngebiet in Doha war nicht nur für die Hamas, sondern auch für die US-Verbündeten ein schwerer Schlag, die sich in den vergangenen Jahren auf die USA als Schutzmacht verlassen haben.

Israel tötete Mitglieder der palästinensischen Miliz im Gazastreifen, im Westjordanland, im Libanon, in Syrien und im Iran, ohne sich Gedanken über das Völkerrecht zu machen. In Katar jedoch unterließ es bisher die Verfolgung, obwohl das kleine Golfemirat den Anführern der Gruppe seit Langem Unterschlupf gewährt. Das lag auch daran, dass Katar ein enger Verbündeter der USA ist und der wichtigste Ort für Waffenstillstandsgespräche zwischen Israel und der Hamas gilt. Ein Angriff auf Katar wäre zu weit gegangen. Das Emirat wurde vor allem vom ehemaligen Präsidenten Joe Biden in den Kreis der wichtigen Nicht-NATO-Verbündeten aufgenommen. Es beherbergt zudem die größte US-Militärbasis der Region.

Nach dem jüngsten Angriff auf Katar gelten jedoch nicht mehr die alten Spielregeln. Israel greift offenbar überall in der Region an, wo es sich von seinen Feinden bedroht fühlt. Das Hamas-Team war in seinem Büro zusammengekommen, um einen neuen Waffenstillstandsvorschlag zu besprechen, den die Regierung unter Präsident Trump in den letzten Tagen ins Spiel gebracht hatte. Das Abkommen wäre für Israel vorteilhaft gewesen. Es sah die sofortige Freilassung der noch in Gaza gefangenen 48 israelischen Geiseln – sowohl der Lebenden als auch der Toten – durch die Hamas vor. Es hätte den Krieg nicht unbedingt beendet. Es sah einen vorübergehenden Waffenstillstand vor und das Versprechen, dass Donald Trump Israel zu einem dauerhaften drängen würde. 

Netanjahu schien aber nicht an einem Frieden interessiert zu sein und setzte auf Eskalationen, vor allem nach dem jüngsten Anschlag in Jerusalem durch Hamas-Sympathisanten. Die USA haben den Überraschungsangriff Israels auf die Führungsspitze der Hamas in Katar deutlich kritisiert. „Ich bin nicht begeistert davon”, sagte US-Präsident Trump in Washington. Trump führte nach Informationen des Wall Street Journal nach dem Angriff ein hitziges Telefonat mit Netanjahu. Darin habe Trump seine „tiefe Frustration“ darüber zum Ausdruck gebracht, von Israels Angriff überrascht worden zu sein. Die Entscheidung, politische Hamas-Anführer in Doha anzugreifen, sei nicht weise gewesen, habe Trump zu Netanjahu gesagt, hieß es unter Berufung auf ranghohe US-Beamte.

Der Angriff ist offenbar auch gescheitert und viele Beobachter spekulieren, dass Trump sich deswegen ganz klar von dem Angriff distanziert hat. Kein Mitglied ihres Verhandlungsteams sei dabei getötet worden, hieß es in einer Mitteilung der Palästinenserorganisation Hamas. Der geplante Angriff auf Katar stieß laut Informationen der Wochenzeitung The Economist beim israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad auf Widerstand. Der Mossad soll argumentiert haben, der Angriff würde Trumps jüngsten Versuch, die Waffenstillstandsgespräche wiederzubeleben, stören und die noch immer in Gaza festgehaltenen Geiseln gefährden.

Ein Friedensabkommen zwischen der Hamas und Israel scheint jetzt mehr denn je in weiter Ferne zu liegen. Regierungsmitarbeiter in Doha beklagten wiederholt, dass Netanjahu die Diplomatie behindere und zugleich Katar zum Sündenbock mache. Der Bombenangriff hat dem Image des kleinen Emirats erheblich geschadet. Dichte Rauchwolken und verschreckte Menschen, die durch die Straßen laufen, passten nicht zu dem vermittelten Bild der Golfmonarchie als Hort der Stabilität. Sogar ein katarischer Staatsbürger, ein Mann aus den Sicherheitskräften, wurde getötet. Dessen Familie kondolierte der Außenminister und Regierungschef. Auch für den US-Präsidenten ist der israelische Angriff rufschädigend. Trump hatte dem Emirat auf seiner ersten Auslandsreise im Mai einen Besuch abgestattet und gesagt: „Ich glaube nicht, dass unsere Freundschaft jemals stärker war als jetzt.“ Er versprach dem katarischen Emir Tamim bin Hamad Al Thani, USA würden dessen Land beschützen. Der israelische Angriff auf Katar ist für die Golfregion ebenso schockierend wie der iranische Angriff auf Aramco im Jahr 2019. Beide Angriffe haben gezeigt, dass der US-Sicherheitsschutz wenig wert ist.

Der Angriff auf Doha dürfte nicht nur die katarische Führung beunruhigen. Hamas-Funktionäre sind nämlich nicht nur dort präsent. Auch im NATO-Staat Türkei sind sie präsent. In der ganzen Region nimmt das Unbehagen über ein nicht eingedämmtes, aggressives Israel zu. Das Außenministerium in Ankara erklärte als erste Reaktion, der Angriff zeige, dass Israel eine „regionale Expansionspolitik und Terrorismus“ als staatliche Politik verfolge. Die regionale Führungsmacht Saudi-Arabien zeigt sich auch umgehend solidarisch mit Katar. Dass die Führung in Riad ihre Beziehungen zu Israel noch normalisiert – wie von Trump und Netanjahu gewünscht – steht mehr denn je in Zweifel.  Katar war lange Zeit das schwarze Schaf des Golf-Kooperationsrates (GCC), einem Zusammenschluss von sechs Petromonarchien. Durch seine Unterstützung für islamische Gruppen wie die Hamas erzürnte es seine Nachbarn. Nun zeigen sich die Staatschefs der Golfstaaten geschlossen gegen Hegemoniebestrebungen Israels in der Region.

In den letzten Jahren haben die USA versucht, die Golfstaaten davon zu überzeugen, dass sie durch ein Bündnis mit Israel zu mehr Sicherheit gelangen könnten. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain normalisierten 2020 ihre Beziehungen zu Israel, und auch Saudi-Arabien stand kurz davor, ein eigenes Normalisierungsabkommen zu unterzeichnen.

All das war nach dem 7. Oktober jedoch schwer zu vermitteln. Der Gaza-Krieg hat Israel in der arabischen Welt äußerst unbeliebt gemacht. Die Herrscher der Golfstaaten befürchten, dass sie in den immer weiter eskalierenden Konflikt Israels mit dem Iran und seinen Verbündeten hineingezogen werden könnten – wie im Juni, als der Iran als Reaktion auf einen Bombenangriff der USA auf seine Atomanlage eine US-Basis in Doha angriff. Der Israels Angriff auf Doha wird diese Überzeugung nun zementieren.

Das Vertrauen in die Verlässlichkeit des US-Präsidenten und dessen Fähigkeit, Israel einzuhegen, dürfte nun in den Golfstaaten noch einmal gelitten haben. Die Türkei sieht sich auch vor allem als neue Schutzmacht Syriens in Gefahr, Ziel israelischer Angriffe zu werden. Katar und die Türkei pflegen gute Beziehungen zur islamistischen Regierung in Syrien nach dem Sturz von Assad. Mit den andauernden Angriffen auf Syrien hat Tel Aviv bereits ein Warnsignal an die Türkei gesendet. Ankara setzt sich für die Aufrüstung und Ausbildung der neuen syrischen Armee ein.

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