Nach Zollstreit mit USA: Indien sucht die Nähe Chinas

Bisher hat der US-Präsident im Zollstreit alle Gegner kleingekriegt. Indien hingegen trotzt den USA nicht nur bei Zollverhandlungen, sondern wendet sich auch den US-Rivalen China und Russland zu.

Ende August wird der indische Premierminister Modi erstmals seit der Eskalation des indisch-chinesischen Grenzkonflikts im Jahr 2020 China besuchen. Im Rahmen des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) wird er voraussichtlich auch den chinesischen Staatschef Xi treffen. Zuletzt hatten Modi und der chinesische Staatschef Xi Jinping im vergangenen Jahr am Rande des BRICS-Gipfels in Kasan miteinander gesprochen. Im Anschluss an das Treffen einigten sich die Länder auf ein Abkommen zur Verringerung der Truppen an der umstrittenen Grenze im Himalaya.

Das Zusammentreffen der beiden Staatschefs in Asien wird von der Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und Indien überschattet. Peking erhofft sich die Möglichkeit, Indien im Zuge des Zollstreits aus dem Orbit der USA zu ziehen. Trump hatte kürzlich entschieden, auf indische Importe Zölle in Höhe von 50 Prozent zu erheben, davon 25 Prozent als „Strafe” für den Import russischen Öls.  Diese Ankündigung kam überraschend, da die USA Indien jahrelang umworben hatten. In Washington wird Indien über Parteigrenzen hinweg als asiatisches Gegengewicht zu Peking gesehen.

Dass Trump plötzlich gegen Indien vorgeht, dürfte auch damit zusammenhängen, dass Neu-Delhi ihm die Anerkennung der US-Vermittlerrolle für den indisch-pakistanischen Waffenstillstand verweigerte. Trump hatte wiederholt behauptet, die Waffen nach dem kurzen, aber heftigen Grenzkonflikt im Mai durch die Androhung von Konsequenzen in den Handelsgesprächen zum Schweigen gebracht zu haben. Während Pakistan ihn für den Friedensnobelpreis nominierte, beharrt Indien darauf, dass es keinen Einfluss von Dritten auf den Waffenstillstand gegeben habe.

Die US-Strategie einer indopazifischen Ausrichtung, in der Indien eine zentrale Rolle bei der Eindämmung Chinas durch die USA spielen würde, ist nun gefährdet. Tatsächlich hat Indien den russischen Angriff auf die Ukraine nie verurteilt. In den entsprechenden UN-Resolutionen hat sich Neu-Delhi enthalten. Zudem bezieht das Land seit Beginn des Ukraine-Kriegs Öl zu stark vergünstigten Konditionen aus Russland. Zugleich hat Indien seine Beziehungen zum Westen in den vergangenen Jahren weiter vertieft. Da Indien als potenzielles Gegengewicht zu China im Indopazifik gilt, hat Washington das doppelte Spiel bisher lange Zeit geduldet.

Bisher hat der US-Präsident im Zollstreit alle Gegner kleingekriegt. Indien hingegen trotzt den USA nicht nur bei Zollverhandlungen, sondern wendet sich auch den US-Rivalen China und Russland zu.

Der Zollstreit hat die US-Waffenverkäufe an Indien bereits zum Erliegen gebracht. Neu Delhi hat zudem die Reise von Verteidigungsminister Rajnath Singh nach Washington abgesagt. Indien ist bereits Mitglied der von Trump als „antiamerikanisch“ bezeichneten BRICS-Staaten. Zu diesen zählen neben China und Russland auch Brasilien, Südafrika und der Iran.

Viele Beobachter sind skeptisch, ob es auf lange Sicht zu einem indisch-chinesischen Bündnis kommen könnte. Eine Eingliederung Indiens in einen Anti-US-Block erscheint unwahrscheinlich. Das Land ist bereits so stark in die vom Westen geprägte Weltordnung integriert, als dass es sich einfach so davon verabschieden könnte. Zudem hat Indien seinen Handel mit Russland immer weiter reduziert. Als aufstrebende Weltmacht kann es sich einem strategischen Wettbewerb mit China im Pazifik jedoch nicht mehr entziehen.

Die Waffenkäufe aus Moskau, die einst mehr als 60 Prozent der indischen Rüstungsausgaben ausmachten, wurden deutlich reduziert. Heute kauft Indien seine Waffen in den USA, Israel und Frankreich. Außerdem will das Land die einheimische Produktion ankurbeln. Indien ist eine aufstrebende Weltmacht und befindet sich insofern mit China längerfristig auf Kollisionskurs. Die beiden Länder haben eine umstrittene Grenze im Himalaya, an der es im Jahr 2020 zu einem blutigen Zwischenfall zwischen Soldaten kam. Auch wenn beide Seiten nun Schritte zur Entspannung unternommen haben, bleiben die Ursachen des Konflikts bestehen. Zudem baut Peking seinen Einfluss in Nachbarländern wie Nepal und Bangladesch  aus. China verstärkt systematisch die Präsenz seiner Marine im Indischen Ozean, den Indien als seinen Hinterhof betrachtet.

Auch Pakistan bleibt ein Streitthema, denn das Land ist stark von chinesischer Unterstützung abhängig. China hat Pakistan im Zuge des jüngsten Kaschmir-Kriegs militärische Hilfe geleistet. Dabei wurden mehrere indische Kampfjets durch chinesisch hergestellte Raketen der pakistanischen Armee abgeschossen. In der Luftschlacht im Kaschmir-Krieg setzte Pakistan die chinesische PL-15 erfolgreich ein. Laut pakistanischen Angaben wurden fünf indische Jets – drei Rafale, eine MiG-29 und eine Su-30MKI – mit der PL-15 abgeschossen. Indien bestätigte den Absturz von drei Flugzeugen in Jammu und Kaschmir, ohne die Ursache zu nennen.

Während sich die Beziehungen zwischen Indien und den USA verschlechtern, herrscht zwischen Peking und Washington Tauwetter. Die USA und China haben kürzlich den Waffenstillstand im Zollkrieg verlängert. Die Länder setzen gegenseitige Importzölle in Höhe von 24 Prozent für weitere 90 Tage aus. In den nächsten Monaten wird auch ein Treffen der Präsidenten Trump und Xi Jinping erwartet, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Für Indien wäre ein Deal zwischen Washington und Peking ein Horrorszenario. Es wird spekuliert, dass Trump ein Handelsabkommen mit dem chinesischen Staatschef Xi anstreben könnte, das sogar Sicherheitsfragen wie die Taiwan-Frage mit einbezieht. Näherten sich die USA und China an, würde Indien geopolitisch an den Rand gedrängt.

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