Seit der Machtübernahme der Islamisten in Syrien und der Schwächung des Irans durch den jüngsten Krieg mit Israel hat sich der Einfluss Russlands im Nahen Osten signifikant verringert. Mittlerweile verschwindet im Zuge des Ukraine-Kriegs auch Russlands Einfluss im eigenen Hinterhof, dem Kaukasus.

In den vergangenen Jahren waren die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf andere Regionen, in denen Russland als wichtiger Akteur gilt, enorm. Russland ist militärisch nicht in der Lage, einen Zweifrontenkrieg zu führen. So sah es beispielsweise tatenlos zu, wie sein Verbündeter Iran im Zuge des zwölftägigen Krieges von den Atommächten USA und Israel angegriffen wurde. Moskau konnte weder Luftabwehr noch Jets an den Iran schicken. Diese werden im Ukraine-Krieg benötigt. Als Islamisten letztes Jahr Damaskus einnahmen, konnte die Kremlführung nichts anderes tun, als ihrem Verbündeten Assad zur Flucht zu verhelfen. In diesem Fall waren zu viele russische Kräfte im Ukraine-Krieg gebunden, sodass keine Einheiten verlegt werden konnten.
Nach den Rückschlägen im Nahen Osten schwindet auch der Einfluss Russlands im Südkaukasus langsam. Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan und der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew treffen sich am 10. Juli in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate), um die nächsten Schritte zur Fertigstellung des Friedensabkommens zu besprechen – allerdings zum ersten Mal ohne Beteiligung Russlands. Sowohl der Bergkarabach-Krieg 2020 als auch der Ukraine-Krieg haben dazu geführt, dass Russland Stück für Stück Einfluss im Kaukasus verloren hat.
Bis Herbst 2023 erlangte Aserbaidschan mit stiller Unterstützung der Türkei die vollständige Kontrolle über die zuvor von Armeniern besiedelte und in den 1990er-Jahren besetzte Region Bergkarabach zurück. Als Aserbaidschan im Jahr 2020 eine Offensive startete, um die Enklave zurückzuerobern, weigerte sich der Kreml, Armenien bei der Verteidigung zu unterstützen – unter anderem als Vergeltung für eine Protestbewegung zwei Jahre zuvor, durch die der prowestliche Nikol Paschinjan an die Macht gekommen war.
Ursprünglich war Moskau vertraglich zum Schutz verpflichtet. Armenien war Mitglied der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), einer Art postsowjetischer NATO. Doch die russischen Friedenstruppen griffen in den Krieg nicht ein. Armenien hat später seine Mitgliedschaft im OVKS-Bündnis eingefroren und sucht aktiv nach neuen militärischen Partnern, beispielsweise Frankreich.
Die Kremlführung gestattete Aserbaidschan damals, einige Gebiete um Bergkarabach einzunehmen, bevor Präsident Putin einen Waffenstillstand vermittelte. Dadurch konnte Russland Truppen unter dem Deckmantel von Friedenstruppen in Aserbaidschan stationieren. Als Russland jedoch 2023 durch den Krieg in der Ukraine abgelenkt war, nahm Aserbaidschan innerhalb von weniger als 24 Stunden ganz Bergkarabach ein, während die russischen Friedenstruppen den Überfall tatenlos zusahen. Da es keinen Vorwand mehr für ihren Verbleib gab, war Russland gezwungen, seine Truppen abzuziehen. Nach der letzten Runde des Karabach-Kriegs sah sich auch Armenien von seiner Schutzmacht Russland verraten und suchte neue Partner in der EU und den USA.
Durch die Versöhnung zwischen Armenien und Aserbaidschan ohne Beteiligung Russlands erweitert der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seinen Einflussbereich konsequent in den Grenzen des ehemaligen Osmanischen Reiches. Er zielt auf die Wiederherstellung des sogenannten „Großen Turan” in den turksprachigen Regionen Asiens ab. Im Zuge dieser Politik träumt Erdoğan von einem türkisch-muslimischen Korridor durch Eurasien.
Da Aserbaidschan sowohl von der Türkei als auch von Israel bewaffnet wird, ist das Land zu mächtig, als dass Russland offen gegen die Machtambitionen Alijews vorgehen könnte. Putins beste Hoffnung, seinen Einfluss zurückzugewinnen, dürfte daher in Armenien liegen, das von russischen Energie- und Nahrungsmittelimporten abhängig ist und in dem Russland noch immer einen Militärstützpunkt unterhält. Was Russland in Armenien jedoch fehlt, ist die Unterstützung durch einen Teil der Bevölkerung.
Seit der Niederlage im Krieg gegen Aserbaidschan versucht das Land, sich vom russischen Einfluss zu lösen und sich dem Westen anzunähern. Noch wichtiger ist jedoch, dass Armenien seine Bemühungen um eine Normalisierung der Beziehungen zur Türkei intensiviert hat. Diese waren durch die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern durch osmanische Truppen in den Jahren 1915/16 belastet. Die Kremlführung hat bisher keine Mühen gescheut, Paschinjan loszuwerden, der im nächsten Jahr ohnehin vor Wahlen steht. Sie hofft auf eine Wiederholung des georgischen Szenarios, bei dem der moskautreue Oligarch Bidsina Iwanischwili und die Kirche die Westbindung des Landes stoppten und es wieder unter den Einfluss Russlands brachten.
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