Teherans Raketenarsenal wurde seit Ausbruch des Kriegs teilweise dezimiert. Auch der israelische Abfangschirm könnte bald an seine Grenzen gelangen. Es hängt nun davon ab, wie stark der Vorrat beider Seiten an Raketen in den vergangenen Tagen geschrumpft ist.

Zwanzig Monate nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober kämpft Tel Aviv in Gaza, im Libanon, in Syrien und im Jemen. Als am 13. Juni israelische Flugzeuge den Iran angriffen, wurde deutlich, dass diese Kampagnen gegen iranische Stellvertreter zu der heutigen folgenschweren Konfrontation zwischen dem jüdischen Staat und der Islamischen Republik geführt haben. Dieser Krieg wird den Nahen Osten ebenso verändern wie die arabisch-israelischen Kriege zwischen 1948 und 1973.
Während Präsident Donald Trump zwischen Gesprächen mit dem Iran und dem Einsatz amerikanischer Flugzeuge und Raketen schwankt, stellen sich die Fragen, wie lange dieser Krieg dauern könnte und was dabei entscheidend ist. Solange sich die USA aus dem Krieg heraushalten, hängt alles davon ab, wie stark der Vorrat der beiden Seiten an Raketen in den vergangenen Tagen geschrumpft ist. Teherans Raketenarsenal wurde seit Ausbruch des Kriegs wohl stark dezimiert, aber auch Berichten zufolge der israelische Abfangschirm könnte an Grenzen gelangen.
Israel hat laut Darstellung von Premierminister Netanjahu etwa die Hälfte der iranischen Raketenabschussrampen getroffen. Es sei nicht so wichtig, über wie viele Raketen der Iran verfüge, sondern wie viele Abschussrampen das Land habe, sagte der Regierungschef am am 20 Juni dem israelischen TV-Sender Kan. Vor den Angriffen Israels schätzte das US-Militär die Kapazität der iranischen Raketen auf 2.000 bis 3.000. Hinzu kommen Drohnen und Marschflugkörper. Wie viele davon inzwischen verschossen oder zerstört wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Bisher hat Israel eher die Lager für Mittelstreckenraketen getroffen, im Bereich der Kurzstreckenraketen verfügt der Iran aber noch über Fähigkeiten. Diese wurden von den iranischen Revolutionsgarden hauptsächlich entwickelt, um US-Stützpunkte in einer Entfernung von unter 1.000 Kilometern zu treffen.
Ballistische Raketen sind unter anderem aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit schwer abzuwehren. Im Gegensatz zu Marschflugkörpern werden sie nur in der Startphase angetrieben. Sie fliegen in einer hohen ballistischen Kurve, teilweise außerhalb der Erdatmosphäre, bevor sie ihr Ziel erreichen. Im Vergleich zu den ersten Kriegstagen hat die Zahl der aus dem Iran auf Israel abgefeuerten Raketen zuletzt nachgelassen. Dies könnte unter anderem darauf hindeuten, dass Teheran die Bestände für einen langen Krieg schonen will.
Auch für Tel Aviv ist ein Krieg mit dem Iran ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn Israel gehen laut Recherchen des Wall Street Journals und New York Times inzwischen die Langstrecken-Abfangraketen für das System Arrow aus, das ballistische Raketen aus Iran abfangen soll. Die USA unterstützen Tel Aviv zwar bereits mit Flugabwehr vom Typ THAAD und SM-3, doch auch diese sind knapp und vor allem teuer. Der Krieg zieht sich in die Länge und Israel feuert Abfangraketen schneller ab, als sie produziert werden können. Das wirft innerhalb des israelischen Sicherheitsapparats die Frage auf, ob dem Land die Luftabwehrraketen ausgehen werden, bevor der Iran sein ballistisches Arsenal aufgebraucht hat. Dies berichten acht aktive und ehemalige Beamte in Israel der NYT.
Das israelische Militär muss bereits jetzt den Einsatz von Abfangraketen einschränken und der Verteidigung dicht besiedelter Gebiete sowie strategischer Infrastruktur eine höhere Priorität einräumen. Kein israelischer Regierungsvertreter wollte die Zahl der noch verfügbaren Abfangraketen preisgeben. Die Enthüllung dieses streng gehüteten Geheimnisses könnte dem Iran einen militärischen Vorteil verschaffen. Wenn es Israel gelingt, die iranischen Raketenbestände auszuschalten, bevor die Flugabwehr ausgeht, kann Iran aus der Luft kaum noch wirksam zuschlagen. Die für israelische Verhältnisse bereits hohe Zahl der Todesopfer könnte weiter steigen, wenn das israelische Militär den Einsatz von Abfangraketen einschränken müsste, um einige strategische Standorte wie den Atomreaktor Dimona im Süden Israels oder das Militärhauptquartier in Tel Aviv langfristig zu schützen.
Der Ausgang des Krieges hängt zudem davon ab, wie lange beide Seiten die Schäden an ihrer Wirtschaft ertragen können und wie groß das Durchhaltevermögen der Bevölkerung angesichts der steigenden Zahl ziviler Todesopfer ist. Von entscheidender Bedeutung ist dabei auch, ob sich Präsident Trump mit Israel zusammenschließt und die iranische Atomanreicherungsanlage in Fordo im Norden des Landes angreift, oder ob der Iran sein Anreicherungsprogramm aufgibt, um eine solche Intervention zu verhindern.
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