Israel will die Nahost dominieren. Eine Niederlage Teherans hätte Chaos im Land zur Folge und würde die Ausbreitung des islamistischen Erdoğanismus in der gesamten Region begünstigen – flankiert von israelischer Expansionspolitik.

Seit Freitag hat sich der militärische Konflikt zwischen Israel und dem Iran zu einem Krieg ausgeweitet. Seither überziehen sich Israel und der Iran mit schweren Angriffen. Seit den frühen Morgenstunden des 13. Juni hat Tel Aviv Hunderte Luftangriffe geflogen. Der Iran reagierte mit Salven ballistischer Raketen und Drohnen, von denen Dutzende die israelischen Verteidigungssysteme durchdrangen.
Vor einem Jahr hatte Israel mit Schwierigkeiten zu kämpfen: Es steckte im Gazastreifen fest, war von Feinden umgeben, die vom Iran unterstützt wurden, und stand unter dem Druck Washingtons, die Kämpfe einzustellen.
Nun gestaltet Israel den Nahen Osten nach seinen eigenen Vorstellungen. Netanjahu hat Trump regelrecht vorgeführt, indem er den Angriff auf den Iran startete, obwohl zuvor eine weitere Verhandlungsrunde zwischen Amerikanern und Iranern geplant war.
Israel nutzte die diplomatischen Bemühungen der USA als Deckmantel für einen Überraschungsangriff, der weit über das iranische Atomprogramm hinausgeht und vielmehr darauf abzielt, die Islamische Republik zu lähmen.
Trump hatte zuvor versprochen, die USA aus den Konflikten im Nahen Osten herauszuhalten. Nun befahl er US-Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen, Israel vor iranischen Gegenangriffen zu schützen. Jeder Versuch des Iran, amerikanische Militäreinrichtungen anzugreifen oder die Öllieferungen aus dem Persischen Golf zu unterbinden, könnte Washington tiefer in den Krieg hineinziehen.
Die Frage ist, wie lange Teheran seine Vergeltungsschläge fortsetzen könnte. Nach israelischen Angaben verfügt der Iran über etwa 2.000 ballistische Raketen mit einer Reichweite, die Israel treffen könnte. Zudem stellt sich die Frage, wie nachhaltig Israel tatsächlich gegen das iranische Atomprogramm vorgehen kann. Dabei ist anzumerken, dass der Schaden an den iranischen Atomanlagen bisher begrenzt ist. Vier Tage nach Kriegsbeginn wurden lediglich zwei Hauptanlagen in Natanz und Isfahan sowie einige kleinere Anlagen getroffen. Experten sind sich einig, dass ein militärischer Erfolg Israels davon abhängt, ob es den israelischen Streitkräften gelingt, die Urananreicherung in der unterirdischen Atomanlage Fordow auszuschalten. Für eine Eliminierung benötigt man bunkerbrechende Bomben, über die Israel nicht verfügt.
Israel will die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm und ballistische Raketen abwehren. Nach der Zerschlagung der Hisbollah und dem Staatsstreich in Syrien strebt Israel nach Hegemonie im Nahen Osten. Für Israel kommt es in den kommenden Tagen voll auf die Dynamik an: Kann Israel den Anschein des Erfolgs aufrechterhalten, kann es möglicherweise Präsident Trump für sich gewinnen. Doch falls die Zerstörung der Atomanlagen langsamer voranschreitet und die Zahl der Opfer in die Höhe schießt, könnte Trump auf ein Ende des Krieges drängen, bevor Israel seine Ziele erreicht hat.
Für den Iran geht es in diesem Krieg um seine Vision für die Zukunft. Seit dem Angriff Israels auf den Iran steht nicht nur Irans Einfluss im Nahen Osten auf dem Spiel, sondern auch die Existenz der Islamischen Republik Iran. Eine Niederlage für Teheran würde Chaos im Land bedeuten und die Ausbreitung des islamistischen Erdoğanismus in der gesamten Region begünstigen, flankiert von israelischer Expansionspolitik.
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