Was geschah hinter den Kulissen des Machtwechsels in Syrien? Rivalität der Regionalmächte um die Zukunft Syriens

Die von Israel und VAE ausgearbeiteten Pläne für die Zukunft Syriens scheiterten an dem unerwarteten Einmarsch der HTS in Damaskus. Es wird schon spekuliert, dass Russland Iran verriet, indem es bei den Plänen von Israel und der Emiraten für Syrien mitwirkte.

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Kurz vor dem Einmarsch der islamistischen Miliz HTS in Damaskus versuchten die Botschafter der Vereinigte Arabische Emirate und Jordaniens nach Informationen von Middle East Eye vergeblich zu verhindern, dass HTS die Kontrolle über staatliche Strukturen in Syrien übernimmt, indem sie die Freie Syrische Armee und lokale Milizen aus dem Süden ermutigt, den islamistischen Kämpfern aus dem Norden beim Einmarsch in Damaskus zuvorzukommen. Kurz vor Fall Damaskus erklärte Premierminister des Assad-Regimes Mohammad Ghazi al-Jalali, er sei bereit, die Macht friedlich an Rebellen zu übergeben. Es bleibt bisher unklar, warum Jalali schließlich die Macht an HTS übergab.

Die heikle dabei war, dass nicht nur die Emirate und Israel hinter den Kulissen Pläne für Zukunft Syriens schmiedeten, sondern Russland auch in das Zukunftsszenario für Syrien involviert gewesen sein soll. Russland pflegt genauso wie Israel und die Emirate die guten Beziehungen zu den eher säkularen lokalen Milizen in Südsyrien. Alle an dem mittlerweile gescheiterten Plan beteiligten Staaten waren sich darüber einig, den Einfluss Irans und Hisbollah in Syrien massiv einschränken. Israel strebte demnach militärisch-strategische Beziehungen zu den Kurden im Nordosten und den Drusen im Süden an, während Assad durch die finanzielle Unterstützung der Emirate seinen Machtapparat hätte erhalten und Russland seine strategisch wichtige Militärbasis in Syrien hätte behalten sollen. Die Golfstaaten sollen Assad, laut Reuters in Absprache mit den USA, kurz vor dem neuen Ausbruch des Syrien-Konflikts „finanzielle Anreize“ für einen Bruch mit Iran angeboten haben. Der Plan hätte auch dazu gedient, den Einfluss der Türkei in Syrien auf Idlib und den Nordwesten zu beschränken, die Hochburg der Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) und der von der Türkei unterstützten Rebellengruppen, deren Blitzoffensive aber am Ende zu Assads Sturz führte.

Die Machtübernahme der HTS in Syrien traf die Machthaber in Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten jedoch unvorbereitet. Als die HTS ihre Machtbasis in Damaskus festigte, bombardierte Israel massiv militärische Einrichtungen in Syrien, um zu verhindern, dass Assads Waffen in die Hände pro-türkischer Islamisten fielen.

Iraner wurden von Russen verraten?

Vor diesem Hintergrund erhob vor Kurzem ein einflussreicher iranischer General schwere Vorwürfe gegen Russland und warf Kreml „Verrat“ gegenüber Iran vor. Moskau habe Israel mehrfach durch die Ausschaltung von Radarsystemen dabei unterstützt, ranghohe iranische Militärs in Syrien zu töten. Das enthüllte der General Behruz Esbati, der bis zu Assads Sturz in Syrien kämpfte. Die Tötung mehrerer ranghoher Offiziere der iranischen Revolutionsgarde durch israelische Luftangriffe in Syrien weckte zudem längst den Verdacht von undichten Stellen in Damaskus.

Zur Bekämpfung der Rebellenoffensive, die zum Sturz Assads führte, hätten Iran und Russland dem syrischen Präsidenten unterschiedliche Strategien vorgelegt. Assad sei aber Moskaus Empfehlungen gefolgt. Russland und andere ausländische Kräfte hätten aktiv daran gearbeitet, den Einfluss Irans in Syrien zurückzudrängen. In den drei Monaten vor seinem Sturz habe Assad „Druck“ auf Teheran ausgeübt, seine Präsenz in Syrien stark zu reduzieren. Assad lehnte nach iranischer Darstellung die Eröffnung einer neuen Front gegen Israel ab. Nach dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 habe Teheran Syrien aufgefordert, Israel mit iranischer Unterstützung aus den besetzten syrischen Gebieten zu vertreiben.

Mit Argwohn verfolgte Iran in vergangenen Jahren Assads Bemühungen um eine Normalisierung der Beziehungen zu Saudi-Arabien, den Vereinten Arabischen Emiraten und zu Ägypten seit 2023. Assad wollte die Iraner nicht verprellen, sondern versuchte, seine Beziehungen zum Iran und zu den reichen arabischen Staaten auszubalancieren. Dabei wandelte Assad auf einem schmalen Grat zwischen der Partnerschaft mit der antiwestlichen Achse des Widerstands und der Annäherung an die prowestlichen Golfstaaten. Dieser heterogene Ansatz führte schließlich zu seinem Sturz.

Wie wollen die Rivalen der Türkei ihre Syrienpolitik neu justieren?

Die Ereignisse in Syrien legen die Annahme nahe, dass islamistisch-sunnitische Ordnungsmodelle das neue ideologische Vakuum füllen. Der Region stünde dann eine Renaissance des Muslimbruderschaft bevor. Was in Syrien geschehen ist, kann in anderen arabischen Ländern zu Inspiration werden. Das ist schon ein Weckruf für säkular-reaktionäre Staaten wie Saudi-Arabien und VAE. Sorge bereitet ihnen nämlich, dass in Syrien Islamisten die Macht ergriffen haben und dass Syrien ein auf die Region ausstrahlender Unruheherd werden könnte. VAE dürfte die sunnitischen Gruppierungen im Süden als Hebel gegen Damaskus nutzen. Ihr Befehlshaber Ahmed al-Awdeh zahlt seinen 15.000 Kämpfern immer noch Gehälter, offenbar mit Hilfe der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Israel wird auch versuchen über Korridor der Südfront in Syrien seine Beziehungen zu kurdischer Selbstverwaltung (SDF) in Nordostsyrien zu vertiefen und von dort aus eine Abwehrfront gegen türkische Expansionspolitik zu eröffnen.

Man kann vermuten, dass Teheran seinen Einflussverlust in Syrien nicht einfach hinnehmen wird. Der frühere Chef der Revolutionsgarde Mohsen Rezai, forderte bereits neue Unterstützung für jene Assad-treuen Kräfte, die in den vergangenen Wochen mehrere tödliche Angriffe auf die nun herrschende HTS-Miliz verübt haben. Als denkbar gilt zudem, dass Teheran sich genauso wie Israel der kurdisch dominierten Miliz Syrische Demokratische Kräfte (SDF) als Unterstützer andienen könnte, falls sich die USA unter Donald Trump als deren bisherige Schutzmacht zurückziehen. Ein möglicher Vorbote einer solchen Annäherung könnte Anfang Dezember die kampflose Übergabe der strategisch bedeutenden Region Deir al-Zor von abziehenden irantreuen Milizen an die SDF gewesen sein. Sieben Jahre lang hatte das Gebiet faktisch an der irakischen Grenze unter iranischer Kontrolle gestanden. Es diente Teheran als Knotenpunkt der Landbrücke nach Libanon und für Angriffe auf amerikanische Truppen.

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