Mit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober erlitt Integration der Region im Sinne des Westens einen Rückschlag. Mit Septemberoffensive Israels in Libanon und der Tötung der Hisbollah- und Hamas-Führung wendete sich aber das Blatt auf einmal zugunsten Israels. Der neue Nahost ist gefährlicher, da alte Regeln nicht mehr gelten.

Der Krieg ist in den Nahost nach dem Angriff der Hamas auf Israel vor einem Jahr zurück, wobei der Konflikt sich derzeit über Gaza und Libanon hinaus auszuweiten droht. Vom Nahost-Krieg profitierte bisher Iran, dessen Sicherheitslage in der Region vor dem 7. Oktober durch monatelang dauernde Frauenproteste und Unruhe im September 2022 stark erschüttert worden war. Seit Gaza-Krieg liegt der mediale Fokus auf Gaza-Krieg am Mittelmeer, während Irans Innenpolitik in den Hintergrund rückte.
Vor dem 7. Oktober arbeiteten Riad und Tel Aviv hinter der Kulisse an einem Megadeal, das nicht nur die Normalisierung der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Israel ermöglichen sollte, sondern auch die Architektur der Region angesichts der allmählichen Rückzug der USA aus der Region neu umgestalten. Der US-Präsident Joe Biden wollte sich in der anstehenden Präsidentenwahl in den USA gerne als Vermittler eines Normalisierungsabkommens zwischen Saudis und Israelis schmücken, damit er einen Erfolg in seiner Außenpolitik verbuchen und Einfluss Irans in der Region eindämmen konnte. Was die Architektur der Region anbetrifft, verkündete seinerzeit Joe Biden einen Wirtschaftskorridor als Gegenstück zu Chinas Neuer Seidenstraße, die Indien über Saudi-Arabien und Israel nach Europa verbinden soll. Kurz vor dem Hamas-Angriff auf Israel kündigten Indien, Golfstaaten, USA und EU auf G20-Gipfel im September 2023 den ehrgeizigen Eisenbahn- und Schifffahrtskorridor namens Indien-Nahost-Europa-Korridor (IMEC) an, der Indien über Saudi-Arabien und Israel mit Europa verbinden soll. Die Vereinbarung war einen herben Schlag für Chinas Einfluss in Eurasien und eine geopolitische Niederlage für Iran in der Nahost.
Mit Hamas-Überfall auf Israel wendete sich aber auf einmal das Blatt in der Region zugunsten Irans. Obwohl es weiterhin unklar bleibt, ob Iran das grüne Licht für den Hamas-Überfall am 7. Oktober auf Israel gegeben hätte, liefern die in einem Tunnel in Khan Yunis im Januar gefundene Dokumente Beleg dafür, dass Iran lange vor dem 7. Oktober grundsätzlich über Überfallplan im israelischen Hinterland eingeweiht wurde.
Iran zielte längst darauf ab, den möglichen saudisch-israelischen Deal zur Normalisierung der Beziehungen zum Scheitern zu bringen, da Teheran fürchtete in einem Dominoeffekt weitere islamische Länder wie Katar und Pakistan auch ihre Beziehungen zu Israel normalisieren zu wollen. Nach dem überfall am 7. Oktober sind in der Tat die Verhandlungen zwischen Israel und Saudi-Arabien in weite Ferne gerückt, wobei es Teheran gelang Bidens Plan für einen neuen Nahen Osten auf unabsehbarer Zeit zu konterkarieren.
Nahost-Krise nahm aber auf einmal in diesem September eine neue Wende, nachdem Iran wegen der Eliminierung der gesamten Hisbollah-Führung einen strategischen Rückschlag erleiden musste. Die Septemberoffensive Israels im Libanon, die mit den explodierenden Hisbollah-Pagern sowie der gezielten Tötung von Hisbollah-Militärführern in Serie begann und in der Tötung des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah gipfelte, hat auf einmal die Lage in der Region zugunsten Israels auf Kopf gestellt, sodass Netanyahu wieder von dem Neuordnung des Nahost sprach.
Mitte Oktober gelang es auch das Israelische Armee den Anführer der von Iran unterstützten der Hamas-Miliz Yahya Sinwar bei einem Einsatz im Gazastreifen zu töten. Israels Premier Netanyahu sprach danach vom „Niedergang der Herrschaft des Bösen“. Die Tötung des Hisbollah-Chef Nasrallahs war aber vor allem ein Einschnitt für Iran und markiert den Beginn einer neuen Phase der Konflikte im Nahen Osten. Denn damit kollabierte auf einmal die Strategie der Vorwärtsverteidigung, durch Stellvertreter wie die Hisbollah die Feinde der islamischen Republik fern von seiner Grenze zu beschäftigen und im Falle eines Angriffs auf Iran rasch Vergeltungsschläge verüben zu können.
Da Israel seit September die am 7. Oktober 2023 erschütterte Abschreckungsdominanz gewissermaßen wiederhergestellt hat, redet man schon in israelischem Establishment wieder von dem neuen Nahen Osten. Israelische Regierung kündigte an, dass es Machtgefüge im Nahen Osten nach einem Jahr Krieg in Gaza verändern und den Plan über die Bildung einer neuen Achse gegen Iran wiederbeleben möchte. Der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett erklärte, Israel biete sich die größte Gelegenheit seit 50 Jahren, das Gesicht des Nahen Ostens zu verändern. Nach der Tötung des Hisbollah-Chef sagte Netanyahu in einer Rede, dass Israel die Realität im Nahen Osten verändern wolle, „indem wir die Machtverhältnisse verändern, erhalten wir die Möglichkeit, in unserer Region neue Bündnisse zu schließen“. Bei seinem jüngsten Auftritt vor der UN-Generalversammlung in New York hielt Benjamin Netanyahu eine Karte des „neuen Nahen Ostens“ hoch und zeichnete mit einem roten Marker den „Korridor des Friedens und des Wohlstands“ ein, der Asien über den Nahen Osten mit Europa verbinden werde. Damit war jene Indien-Nahost-Europa-Korridor (IMEC) gemeint, der ein alternatives, von den USA favorisiertes Konnektivitätsprojekt im Wettbewerb mit der chinesisch dominierten „Neuen Seidenstraße“ verkörpert. Dabei ist auch anzumerken, dass Netanyahu schon vor dem 7. Oktober diese Karte des „Neuen Nahen Ostens“ vor UNO-Vollversammlung gezeigt hatte. Nach den jüngsten Schlägen, die Mossad und IDF der iranischen Schattenarmee zusetzte, will nun Netanyahu diese Idee wiederbeleben.
Wie die Neuordnung Israels aber in der Tat umgesetzt werden soll, ist für den gesamten Nahen Osten nicht zu erkennen. Denn die Regierung Netanjahus ergreift nicht die Hand der arabischen Staaten, die Frieden mit Israel geschlossen haben oder unter der Bedingung zu schließen bereit sind, dass für die Palästinenser in den seit 1967 besetzten Gebieten ein Staat entsteht.
Spirale der Gewalt dreht sich auch immer schneller in der Region, da der israelisch-iranische Stellvertreterkrieg im Rahmen der Einsatz von Proxy und Sabotagen-Aktionen seit Gaza-Krieg an seiner Abschreckungskraft eingebüßt hat. Dabei gelten alte Spielregeln im Rahmen eines Schattenkrieg auch nicht mehr. Aus Sicht der israelischen Regierung bedeutet auch Trumps Sieg freie Hand im Krieg gegen die Hamas in Gaza, gegen die Hisbollah im Südlibanon und einen Freibrief für die Auseinandersetzung mit Iran.
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