Jüdischer Staat bangt um seine Existenz: Israels Schutzschild zeigt Risse nach Irans Raketenangriff

Die Gewaltspirale schraubt sich im Nahen Osten nach dem ersten Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel weiter nach oben. Iran griff Israel zum zweiten Mal in diesem Jahr an, wobei das israelische Abwehrsystem Risse zeigte.

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Nach langem Zögern griff Iran letzte Woche Israel an um seine eigene Abschreckungsfähigkeit in der Region wiederherzustellen. Teheran war im Abschreckungswettbewerb zuletzt erheblich ins Hintertreffen geraten. Die Abschreckungsfähigkeit hatte massiv gelitten, da Israel dem Land einige harte Schläge versetzt hatte: erst das Attentat auf Hamas-Führer Ismail Haniyeh in Teheran, dann der Luftangriff auf das Hauptquartier der Hisbollah, bei dem deren Anführer Hassan Nasrallah ermordet wurde. Dass Netanjahu in einer Ansprache an die iranische Bevölkerung von einem baldigen Regimewechsel gesprochen hatte, dürfte die Führung in Teheran ein weiteres Argument in die Hand gegeben haben, Israel zum zweiten Mal in diesem Jahr anzugreifen. Vor allem hat die israelische Septemberoffensive, die mit den explodierenden Hisbollah-Pagern sowie der gezielten Tötung von Hisbollah-Militärführern in Serie begann, die vorgelagerte Verteidigungslinie Irans im Libanon, im Falle einer direkten militärischen Konfrontation mit Israel, massiv geschwächt.

Bei dem Raketenangriff Irans im April wurden neben ballistischen Raketen vor allem Drohnen und Marschflugkörper mit relativ langen Flugzeiten eingesetzt. Bei dem jüngsten Raketenangriff auf Israel setzte Iran ausschließlich ballistische Raketen ein, die Israel in zwölf Minuten erreichen konnten. Die Vorbereitungszeit zur Abwehr der Geschosse war bei dem zweiten Angriff auf Israel viel kürzer. Es gab im April Tage vorher bereits eine Warnung Irans, aber beim jüngsten Angriff nur Stunden vorher. Vor diesem Hintergrund hatte der Angriff vom ersten Oktober eine völlig andere Qualität.

Zum Einsatz kamen iranische Hyperschallraketen des Typs Fattah und dabei zeigte Israels Schutzschirm Risse. Im Gegensatz zu dem ersten iranischen Raketenangriff trafen diesmal dutzende von Raketen ihre Ziele und verursachten nach Satellitenbildern schwere Schäden. Die Fattah-Rakete verfügt über einen manövrierfähigen Hyperschall-Gefechtskörper, der sich bei der Rückkehr in die Erdatmosphäre lenken lässt. Aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit können die Raketen als solche Israel von Iran aus in sehr wenigen Minuten erreichen.

Bei Irans Angriff waren zahlreiche Explosionen am Dienstag letzter Woche in mehreren Städten des Landes zu hören. In Tel Aviv, in der Nähe des Toten Meeres, im Süden und in der Region Scharon wurden mehrere Einschläge von Raketen gemeldet. Zu den Angriffszielen Irans gehörten zwei militärische Luftwaffenstützpunkte und das Mossad-Hauptquartier in Tel Aviv.

In dichter Folge schlugen vor allem die iranischen Raketen am ersten Oktober auf die Luftwaffenbasis Nevatim im Süden Israels ein. Dort ist die F-35-Flotte stationiert, das Prunkstück der israelischen Luftwaffe. Mindestens ein Dutzend Raketen schlugen dort ein, ob einer der hochmodernen Tarnkappenjets getroffen wurde, ist noch nicht bekannt. Auch andernorts schaffte es Iran, die mehrschichtige Raketenabwehr Israels zu überwinden. Trotz der kurzen Reaktionszeit kam aber der Angriff nicht ganz überraschend. Die US-Amerikaner hatten etwa schon Stunden zuvor auf den Angriff hingewiesen. Der israelischen Flugabwehr blieb also etwas Vorbereitungszeit, trotzdem konnte sie offenbar nicht alle Raketen abfangen.

Die Angreifer waren damit deutlich erfolgreicher als bei ihrer letzten Attacke im April, als es Israel und seinen Verbündeten noch gelang nach eigenen Angaben 99 Prozent der nicht fortgeschrittenen Raketen und Drohnen Irans abzufangen.

Nachdem dutzende iranische Raketen militärische Einrichtungen in Israel getroffen und im großen Maß israelische Abwehrsysteme überlistet hatten, griff Israel letzte Woche auf seine bewährte Informationszensur zurück. Die US-Regierung bezeichnete den iranischen Angriff als „vereitelt und unwirksam“, um damit Israel von einem harten Gegenschlag gegen Iran abzubringen.

Dass dieses Mal auch erst Stunden vor dem Angriff öffentliche Warnungen aus Washington kamen, hängt damit zusammen, dass sowohl Iran und als auch die USA einen regionalen Krieg vermeiden wollen. Aber Israel bangt derzeit um seine Existenz und fühlt sich umzingelt von Feinden – angesichts des durch Iran entfesselten Mehrfrontenkriegs gegen den jüdischen Staat. Israel ist es noch nicht gelungen trotz massiver Bombardierung des Gazastreifens und jüngst auch massiver Angriffe im Libanon seine Kriegsziele zu erreichen.

Der iranische Raketenangriff war eine gefährliche Wette. Israel hat seinerseits eine harte Reaktion angekündigt. In Reaktion auf den ersten iranischen Angriff im April hatte Israel knapp eine Woche später eine Luftwaffenbasis nahe der Stadt Isfahan mit Raketen beschossen und Berichten zufolge mindestens eine Radaranlage beschädigt. Je nachdem, wie der neue Gegenschlag ausfällt, könnte sich danach wieder Iran unter Zugzwang sehen und damit ein totaler Krieg in der Region ausbrechen.

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