Südkaukasus: Sangesur-Korridor wird zur Zerreißprobe für die Beziehungen zwischen Russland und Iran

Russland und Iran liegen bei der Frage eines Transportkorridors im Südkaukasus über Kreuz. Über den Sangesur-Korridor, der unter russischer Kontrolle stehen soll, würde die Enklave Nachitschewan mit dem Kernland Aserbaidschan verbunden werden. Wie man aber diesen Korridor definiert, entscheidet über Krieg und Frieden.

Während Russlands Ressourcen weiterhin auf dem Schlachtfeld in der Ukraine gebunden und ukrainische Soldaten auf russisches Territorium vorgedrungen sind, reiste Putin vor Kurzem nach Aserbaidschan. Mit seinem Besuch will der russische Präsident offenbar zeigen, dass Russland noch im Südkaukasus präsent ist. Es war Putins erster Besuch in Aserbaidschan seit sechs Jahren.  Russland galt lange als Schutzmacht Armeniens. Doch seit die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) – Russlands Äquivalent zur NATO – sich weigerte, Armenien während des Krieges um Bergkarabach 2020 gegen Aserbaidschan Beistand zu leisten, hat sich Eriwan stückweise von Moskau abgewendet.  Durch die aserbaidschanische Blitzoperation gegen Bergkarabach im September 2023 trat eine weitere Verschärfung ein. Ebenso wenig verhinderten russische Soldaten, die als „Friedenstruppen“ in die Konfliktregion Bergkarabach geschickt worden waren, dass aserbaidschanische Streitkräfte in einem Blitzkrieg das komplette Gebiet eroberten. Mehr als 100.000 Armenier mussten fliehen. Eriwan leitete daraufhin eine Diversifizierung seiner Außenpolitik ein und löste sich von seiner starken Abhängigkeit von Russland. Armenien fror daraufhin seine Mitgliedschaft in der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) ein.

Die von Russland tief enttäuschten Armenier orientieren sich seither nach Westen und verfestigen zugleich ihre Beziehungen zu Iran, der wiederrum ein strategischer Partner Russlands ist. Aber wie kam es dazu, dass sich die geopolitischen Interessen Irans und Russlands auf einmal kreuzen?

Der neue Streitpunkt dreht sich vor allem um den sogenannten Sangesur-Korridor. Iran betrachtet die Machtverschiebungen im Kaukasus und zwar das Waffenstillstandsabkommen nach dem Bergkarabachkrieg 2020 betrachtet als eine potenzielle Bedrohung für seine Sicherheit. Nach einem sechswöchigen Krieg im Jahr 2022 vereinbarten Armenien und Aserbaidschan seinerzeit einen von Russland vermittelten Waffenstillstand.  Die Vereinbarung umfasst neun Grundsätze. Der neunte Grundsatz war von Anfang an den Iranern ein Dorn im Auge, wonach Transport- und Verkehrswege in die aserbaidschanische Enklave Nachitschewan über armenisches Staatsterritorium eingerichtet werden. Der Korridor, der über armenisches Gebiet führt, soll nach dem Willen Bakus und Moskaus unter russische Kontrolle gestellt werden. Dagegen wehrt sich Eriwan und argumentiert dafür, dass der Verkehrsweg unter Kontrolle Armeniens bleiben müsste. Iran ist kategorisch gegen den Korridor und interpretiert den neuen Grundsatz im Vertrag als eine Vorlage für Grenzveränderungen.

Aserbaidschans Staatschef Ilham Alijew zielt darauf ab eine Landverbindung (Sangesur-Korridor) zwischen dem Kernland und der Exklave einzurichten, die an der Grenze zu Iran durch Armenien führen würde. Dabei stärkt auch die Türkei Aserbaidschan den Rücken. Denn der türkische Präsident Erdogan träumt von einem türkisch-muslimischen Korridor durch Eurasien. Der Sangesur-Korridor würde nämlich die Enklave Nachitschewan verbinden um damit eine direkte Verbindung über das Kaspische Meer in Richtung Osten nach Zentralasien also die „Türkstaaten“ zu schaffen.

Wie man aber diesen Korridor definiert, entscheidet womöglich über Krieg und Frieden. Iran glaubt, Aserbaidschan will mit diesem möglichen Schritt faktisch die Grenznachbarschaft zwischen Iran und Armenien für immer beenden, und Iran in eine strategische Enge treiben. Er argumentiert, der Korridor würde ihm den Landzugang zu Europa über Armenien und Georgien abschneiden. In den vergangenen Wochen sind die iranischen Medien voll von Berichten, Kommentaren und Analysen über die iranisch-russischen Beziehungen im Zuge der russischen Unterstützung für den Bau des Sangesur-Korridors gewesen.

Als Reaktion auf Putins Unterstützung für die Einrichtung des Sangesur-Korridors sagte der iranische Außenminister Abbas Araghchi, die Grenzen Irans seien eine rote Linie und Teheran werde keine Änderung des Status Quo akzeptieren. Der iranische Botschafter in Eriwan traf sich auch mit dem nationalen Sicherheitsberater Armeniens, um ihm mitzuteilen, dass er gegen die Öffnung von Sangesur sei.

Bemerkenswerterweise reiste der russische Verteidigungsminister bereits im September 2023 zu einem Besuch nach Teheran, um unter anderem grünes Licht für die Öffnung des Korridors zu erhalten. Die russischen Bemühungen sind allerdings damals gescheitert. Medienberichten zufolge hat das iranische Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Chamenei dem russischen Präsidenten Putin und dem armenischen Präsidenten Nikol Paschinjan offen klargemacht, dass Teheran gegen die Öffnung des Sangesur-Korridors ist und sie die Bedenken Teherans anerkennen sollten. Westlich orientierte Medien in Iran werfen vor allem Russland vor, Teheran in der internationalen Politik in den Rücken fallen zu wollen.

Moskau verfolgt seine eigenen Interessen in Bezug auf den Sangesur-Korridor, ebenso wie Teheran. Wirtschaftlich wäre der Sangesur-Korridor für Russland wichtig, da er dabei helfen würde, noch einfacher die westlichen Sanktionen zu umgehen, die USA und EU nach dem Beginn des Ukrainekriegs gegen Russland verhängt haben. Baku steht als Ersatzlieferant der Energie für den Westen bereit, da die meisten europäischen Staaten nicht mehr aus Russland Energie erwerben wollen. Bis 2027 sollen sich die Gasimporte aus Aserbaidschan in die EU auf mehr als 20 Millionen Euro erhöhen. Das Gas, das Baku nun in den Westen verkaufen würde, könnte es für den eigenen Gebrauch günstig aus Russland ersetzen. Dabei könnte der Sangesur-Korridor eine strategische Rolle spielen.

Aber wichtiger als der wirtschaftliche Aspekt ist für den Kreml die Abkehr Armeniens von Russland. Russland, das faktisch und traditionell als oberster Herrscher der Region agiert, scheint Gefallen daran zu finden, Aserbaidschan für die Abstrafung der prowestlichen Regierung Armeniens zu instrumentalisieren. Der Kreml will seinen Hinterhof vor dem Einfluss des Westens hüten, – vor allem seit Eriwan das Bündnis (OVKS) mit Moskau eingefroren hat. Durch den von Iran befürchteten Sangesur-Korridor könnte Russland seine Truppen in Armenien stationieren und weiterhin seine geopolitische Deutungshoheit im Kaukasus beanspruchen.

Sangesur ist mittlerweile eine wirkliche Zerreißprobe für die Beziehungen zwischen Teheran und Moskau. Der Sangesur-Korridor hat allerdings auch eine globale Dimension und zwar spielt Armenien eine ebenso wichtige Rolle wie Aserbaidschan für eine bessere Verbindung zwischen China und Europa über den Mittleren Korridor der Seidenstraße. Insofern ist es von entscheidender Bedeutung, wie sich der Westen und China bei dem Kaukasus-Konflikt in Zukunft positionieren.

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