Als Reaktion auf westliche Waffenlieferungen an die Ukraine: Bewaffnet Russland die „Achse des Widerstands“ in Nahost?

Russland betrachtet eine Ausweitung des Gaza-Krieges im Nahen Osten als eine Gelegenheit, eine neue Front gegen die USA zu eröffnen, um damit das Land von der Unterstützung der Ukraine abzulenken.

Photo by u0414u043cu0438u0442u0440u0438u0439 u0422u0440u0435u043fu043eu043bu044cu0441u043au0438u0439 on Pexels.com

Beim Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg drohte der russische Präsident Putin vor etwa einem Monat als Reaktion auf die westlichen Lieferungen reichweitenstarker Raketen und Marschflugkörper mitsamt der Erlaubnis für Kiew, diese gegen Ziele auf russischem Gebiet einzusetzen, zum Ersten mit Gegenmaßnahmen und zwar der Bewaffnung der US-Rivalen auf der internationalen Ebene. Russland scheint nun zum Ziel zu haben, sich in regionale Konflikte wie in Nahost einzumischen und neue Fronten gegen US-Verbündete durch die Bewaffnung der irantreuen Milizen zu eröffnen. Und das vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es dem Westen in letzter Zeit nicht gelungen ist, sein Ziel zu erreichen, den Kreml international zu isolieren. Denn die Staaten im Globalen Süden pflegen weiterhin Beziehungen zu Moskau und bleiben beim Ukraine-Krieg großenteils eher neutral. 

Huhti im Jemen

Die strategisch wichtige Meerenge im Südjemen ist seit dem Gaza-Krieg im Fadenkreuz der Huthi. Seit Monaten werden Handelsschiffe im Roten Meer von der Huthi-Miliz im Jemen angegriffen. Damit versuchen sie nach eigenen Angaben Israel dazu zu zwingen, den Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen zu beenden. Mit seinen ununterbrochenen Angriffen ist es den Huthi gelungen die globale Lieferkette in der Meerenge Bab al-Mandab zu unterbrechen. Fast 40 Prozent des Weltschiffhandels passieren diese Meeresstraße. Der von den USA geführte Feldzug gegen die Huthi-Angriffe hat sich mittlerweile laut US-Beamten zur intensivsten Seeschlacht entwickelt, mit der die US-Marine seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert ist.

Im Jemen soll der russische Präsident Putin nun erwogen haben, die Huthi mit Schiffsabwehrraketen auszustatten. Das sagte vor Kurzem ein hochrangiger US-Beamter gegenüber Middle East Eye (MEE) unter Berufung auf Geheimdienstinformationen. Bereits im Januar empfing der oberste Nahost-Beamte des Kremls, der stellvertretende Außenminister Mikhail Bogdanov, eine Delegation der Huthi in Moskau. Die Vertreter der Huthi sollen dabei versprochen haben, eine Ausnahme zu machen und keine russischen Schiffe anzugreifen. Russland könnte mit der Lieferung der Hyperschall-Antischiffsrakete vom Typ Kh-31 an die Huthi im Nahost-Konflikt zündeln und die USA von der Unterstützung der Ukraine ablenken. Unklar bleibt derzeit, wie groß das Waffenarsenal der Huthi ist. Bekannt ist, dass sie über Mittel- und Langstreckenraketen, Drohnen und Schnellboote verfügen. Die Huthi sollen erstmals auch Raketen mit Feststoffantrieb getestet haben. Putin sieht die USA für die ukrainischen Angriffe auf russische Schiffe im Schwarzen Meer verantwortlich. Möglicherweise sieht er es als Vergeltung an, wenn er im Roten Meer einen Rachefeldzug ausführt. Russland kann somit mit der Bewaffnung der Huthi die Lieferketten erheblich beeinträchtigen und westliche Ressourcen im Roten Meer binden, – ohne selbst direkt die Finger im Spiel zu haben.

Im Gegensatz zu dem vereinbarten gegenseitigen Beistand mit Nordkorea in Fernasien wird aber Russland in Nahost keinen offiziellen Militärpakt eingehen, da Moskau trotz seiner strategischen Partnerschaft mit Iran um die Gunst der ölreichen Golfstaaten wirbt, die wiederrum als Partner des Westens gelten. Russland verlässt sich vor allem auf die ölreichen Golfstaaten, um zu zeigen, dass es auf der Weltbühne nicht isoliert ist. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind zu einem beliebten Ziel für russische Unternehmen geworden, die US-Sanktionen umgehen wollen, und Russland unterstützte Saudi-Arabiens Schritt, den BRICS-Staaten beizutreten. US-Geheimdienstinformationen zufolge intervenierte bereits der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman, um Putin davon abzuhalten, die Huthi mit Raketen zu beliefern. Saudi-Arabien hatte seinerzeit als Reaktion auf die Huthi-Machtübernahme 2015 an der Spitze einer internationalen Kriegskoalition im Jemen gegen die Huthi einen brutalen Krieg geführt. Seit 2022 hält die Waffenruhe im Jemen zwischen den Huthi und der von Saudi-Arabien geführten Allianz. Hier kommt dazu ein weiterer Faktor ins Spiel: Russland müsste sich mit dem saudischen Rivalen in der Region, nämlich Iran, verständigen, wollte es auf das iranische Stellvertreternetz zugreifen. Teheran strebt derzeit an seine Beziehungen zu Saudi-Arabien wieder zu normalisieren.

Hisbollah im Libanon

Vor dem Hintergrund des Gaza-Krieges liefert sich die Hisbollah im Libanon seit Monaten im Norden Israels mit der israelischen Armee (IDF) schwere Gefechte, während Tel Aviv schrittweise die Angriffe ins Landesinnere des Nachbarlandes ausweitet. Bereits im November 2023 berichtete das Wall Street Journal, dass die russische paramilitärische Organisation Wagner-Gruppe geplant haben soll, die libanesische Hisbollah mit einem russischen Luftabwehrsystem auszustatten. Die Veröffentlichung der Geheimdienstinformationen erfolgte seinerzeit im Kontext allgemeiner Befürchtungen, dass ein heißer Krieg zwischen Israel und der Hisbollah ausbrechen könnte. Diese Gefahr ist weiterhin akut. In einer aktualisierten Version berichtete erneut im Juli WSJ unter Berufung auf US-Geheimdienste, dass Russland die Huthi mit Antischiffsraketen ausstatten könnte, und zwar als Vergeltung für US-Unterstützung der Ukraine bei Angriffen auf russisches Staatsgebiet.

Obwohl die Wagner-Gruppe als private Militärorganisation gegründet wurde, hat der Kreml große Teile ihres Vermögens übernommen, seit ihr Gründer Jewgeni Prigoschin im August 2023 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Das russische Militär und insbesondere seine Spezialeinheiten haben in den vergangenen Jahren in Syrien eine sehr enge operative Verbindung mit der Hisbollah aufgebaut. Wagner verfügt über Personal in Syrien, wo ebenfalls Hisbollah-Kämpfer präsent sind, um den Präsidenten Assad in seinem Feldzug gegen die kurdische Opposition und die bewaffneten Islamisten in Idlib zu unterstützen.

Sollte Israel eine Offensive gegen die Hisbollah im Libanon starten, könnte dies Russland dazu veranlassen, nach Wegen zu suchen, um die USA in den Konflikt hineinzuziehen. Vor allem haben die Spannungen zwischen Israel und Russland seit dem Ukraine-Kriegs zugenommen. Vor kurzem berichtete die Financial Times, dass Israel Gespräche über die Lieferung US-amerikanischer Patriot-Luftabwehrsysteme an die Ukraine führt, ein Schritt, der die Beziehungen zwischen Israel und Moskau drastisch belasten würde. Russlands ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen, Wassili Nebenzya drohte bereits Israel, dass die mögliche Lieferung von Patriot-Systemen an Kiew „gewisse politische Konsequenzen haben könnte“. Es sei möglich, dass Israels Gegner mit Waffen ausgestattet würden, die sie vorher nicht hatten, und es werde für die israelische Luftwaffe viel schwieriger, Ziele in Syrien anzugreifen, kommentierte die russische Online-Zeitung Wsgljad. Israel greift längst die Stellungen der irantreuen Milizen in Syrien an, die die Nachschublinien der Hisbollah in Syrien versorgen.

Vor diesem Hintergrund erwägt Moskau eine neue Front gegen den Westen durch die Waffenlieferung an Milizen in Nahost zu eröffnen, sollte sich der Ukraine-Krieg in die Länge ziehen. Jeder russische Versuch, Stellvertreter Irans in der Region, die gegen die USA und ihre Verbündeten kämpfen, mit Waffen zu versorgen, wäre somit eine Kehrtwende.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar