Sahelzone im Aufbruch: Reiht sich Senegal in die Kette der antiwestlichen Staaten ein?

Die Staaten der Sahelzone revoltieren gegen die westliche Vormachtstellung in Afrika. Mit dem Machtwechsel in Senegal erstreckt sich nun ein Streifen der dem Westen gegenüber kritisch eingestellten Staaten quer über den Kontinent von Guinea bis Sudan.

Photo by Papa birame Faye on Pexels.com

Vor fast zwei Monaten hatte der Panafrikanist Bassirou Diomaye Faye noch im Knast gesessen. Etwa zehn Tage nach seiner Entlassung gewann er nun überraschend Senegals Präsidentschaftswahl und damit endete eine knapp zweimonatige politische Krise in dem Land. Faye hatte eigentlich anstelle des populären, aber von der Wahl ausgeschlossenen Oppositionsführer Ousmane Sonko kandidiert. Dieser unterstützte dafür seinen Parteikollegen Faye – beide gehörten der 2023 verbotenen linksoppositionellen „Pastef“ an. 

Faye gilt als Vorreiter einer neuen Generation von Staatenlenkern in Afrika. Sein Versprechen, mit der bisherigen politischen Elite zu brechen und einen radikalen Politikwechsel voranzutreiben, kommt primär in der jungen Bevölkerung an.  Der Wahlausgang gewann damit den Charakter eines Referendums, bei dem zwar nicht mehr der amtierende Präsident zur Abstimmung stand, wohl aber die Frage nach Kontinuität oder Wandel. In seinem Wahlprogramm hatte Faye angekündigt, sich für eine bessere Verwaltung ohne Korruption einzusetzen und die „Souveränität Senegals“ zu verwirklichen. Der neue Präsident hat zum Ziel die abgeschlossenen Öl- und Gasverträge zugunsten der eigenen Bevölkerung neu zu verhandeln. Es soll damit eine Abkehr von der Rolle als Rohstofflieferant für den globalen Norden geben.

Faye hatte sich im Wahlkampf als „Kandidat des Systemwechsels“ in Senegal präsentiert. Eine starke Annäherung an Russland, wie sie in den Sahel-Staaten Mali, Burkina Faso und Niger nach den patriotischen Militärputschen zu beobachten ist, gilt auch hier als möglich. Es ist allerdings auch mit einer Einflussnahme durch die Golfstaaten zu rechen. Aber auch China, die Türkei und Indien pflegen gute Beziehungen zu Senegal. Im Programm von Faye sei explizit eine „Diversifizierung“ als Ziel genannt, anstatt der Abhängigkeiten von bestehenden Partnern. Für Frankreich könnte dies allerdings bedeuten, dass es nicht mehr so leicht wird, mit Senegal Geschäfte zu machen. Faye strebt danach, die Beziehungen zu den bisherigen Partnern – darunter auch Frankreich – neu zu bewerten. Er hat sich noch nicht klar darüber geäußert, ob er beabsichtigt, das französische Militär aus Senegal auszuweisen. Sollte dies erfolgen, wäre das für Paris ein beispielloser und herber Schlag. 

Für Aufsehen vor allem in Wirtschaftskreisen sorgen Vorhaben wie die Abkehr von der Währung CFA-Franc, die an den Euro gebunden ist und von der französischen Zentralbank gestützt wird. Faye erwägt den CFA-Franc, der auch in weiteren afrikanischen Staaten verwendet wird, aufzugeben und im Rahmen der Neugestaltung der Beziehungen zur neokolonialen Macht Frankreich – Senegals wichtigstem Handelspartner – eine neue und souveräne Währung einzuführen.

Der Wunsch, sich aus neokolonialen Abhängigkeiten zu befreien, den politischen und wirtschaftlichen Einfluss Frankreichs zurückzudrängen und Souveränität zu erlangen, wird bereits von den Regierungen in Mali, Burkina Faso und Niger in der Sahelzone geteilt. Anders als in Niger, wo unlängst im Kampf gegen die westliche Machtdominanz in Afrika der Machtwechsel in einem patriotischen Putsch durch das Militär mündete, ging der Machtwechsel in Senegal durch Wahlen vonstatten. 

Der Westen drohte in letzter Zeit eine Militärintervention gegen Niger über die prowestliche Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) auszuführen. Als Reaktion darauf hatte die Militärjunta ein Bündnis mit Burkina Faso und Mali geschlossen. Die Nachbarländer dürfen nun im Falle eines Angriffes einschreiten. Die ECOWAS hatte die Mitgliedschaft von Mali, Niger und Burkina Faso nach den Putschen bereits vorübergehend ausgesetzt. Der Westen legt die Hoffnung darauf, dass Senegal sich für einen Verbleib der drei Staaten in der Wirtschaftsgemeinschaft  einsetzt.  Faye hat sich in seiner ersten Rede nach der Wahl bereits für eine Konsolidierung der politischen und wirtschaftlichen Integration im Rahmen der ECOWAS ausgesprochen, sie aber auch mit der Ankündigung notwendiger Reformen verbunden. Ob Faye bei einem Sieg dem Beispiel der antiwestlichen Staaten Mali, Burkina Faso und Niger folgt und sich im Streben nach Souveränität von den westlichen Partnern ab- und Russland/China zuwendet, bleibt abzuwarten. Der Westen hat bisher versucht durch überstaatliche Strukturen wie ECOWAS und CFA-Franc seinen Einfluss auf die Sahel-Staaten in Afrika zu zementieren.

Washingtons unausgesprochenes außenpolitisches Ziel ist es, die antifranzösische Stimmung in Afrika zu nutzen um ihren Machteinfluss in Afrika auszubauen. Niger gilt vor allem als Vorposten der USA in Westafrika. Die USA werden versuchen durch die neue Regierung in Senegal weiterhin Druck auf Niger aufzubauen, um ihre Beziehungen zu Niger aufrechtzuerhalten, da Washington eine strategische Drohnen-Basis bei Agadez betreibt. Seit dem Militärputsch hat Niger sukzessive alle westlichen Militärkooperationen beendet und die jeweiligen westlichen Truppen ausgewiesen. Die USA blieben davon zunächst verschont. Nigers Regierung kündigte aber unlängst an, die militärische Zusammenarbeit mit den USA einstellen zu wollen.

Überall auf dem afrikanischen Kontinent fallen pro-westliche Staaten in sich zusammen. Die USA haben zum Ziel, die sich abzeichnende neue geopolitische Gestaltung Afrikas zu verhindern, in der sich Russland, China und Iran tummeln könnten. Dabei ziehen die USA wie immer die Gefahr des Terrorismus als Argument dafür heran, ihre Präsenz in der Sahelzone zu rechtfertigen. Doch die neuen Staatenlenker glauben nicht mehr an die Beschwörungen aus Washington über akute Terrorgefahren sowie an die Wirkung der westlichen Strategie für die regionale Stabilität in der Sahelzone.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar