US-Angriffe auf Stellungen der irantreuen Milizen: Wie scheitert Washington an der Wiederherstellung seiner Abschreckung?

Die USA wollen ihre Abschreckungsfähigkeiten in Nahost seit massiven Angriffen der irantreuen Milizen auf US-Positionen wiederherstellen. Die Vormachtstellung der USA in der Region aber schwindet und das Weiße Haus befindet sich seit dem Gaza-Krieg in einem Dilemma.

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Als Vergeltung für einen tödlichen Drohnenangriff auf eine US-Basis in der Region führten die USA kürzlich heftige Luftschläge gegen Iran und seine Alliierten aus. Die irakischen Milizen hatten zuvor als Vergeltung für Washingtons Unterstützung des israelischen Krieges im Gazastreifen und als Zeichen ihrer starken Solidarität mit den Palästinensern einen US-Außenposten an der Grenze zu Jordanien mit Drohnen ins Visier genommen. Bei dem jüngsten Angriff auf einen US-Militärstützpunkt in der Region wurden drei US-amerikanische Soldaten getötet und mindestens 40 Soldaten verletzt.  Eine Gruppe irantreuer Milizen unter dem Banner des „Islamischen Widerstands im Irak“ bekannte sich zu der tödlichen Attacke.

Präsident Joe Biden versprach unmittelbar nach Bekanntwerden der Attacke, dass die Verantwortlichen „zu einem Zeitpunkt und in einer Weise unserer Wahl zur Rechenschaft“ gezogen würden.  Die Eröffnung der neuen Fronten durch Hisbollah, Huthi und Milizen in Irak gegen Israel seit dem Gaza-Krieg hatte den US-amerikanischen Präsidenten bereits unter Zugzwang gesetzt. Nach dem tödlichen Angriff auf die US-Basis erklärte das Pentagon, der Außenposten „Tower 22“ auf jordanischem Boden sei das Ziel des Drohnenangriffs gewesen. Auf der anderen Seite der Grenze zu Syrien liegt allerdings ein weiterer US-amerikanischer Außenposten, wo die US-Besatzungstruppen in Syrien stationiert sind. Der Al-Tanf-Stützpunkt soll nach Angaben der irantreuen Milizen mit Drohnen angegriffen worden sein und nicht Tower 22. Die Al-Tanf-Zone liegt an der Verbindungsstraße zwischen Damaskus und Bagdad und ist damit von besonderer strategischer Bedeutung für die USA, um in der Region weiterhin Präsenz zu zeigen. Die USA haben immer versucht ihre illegale Präsenz in Syrien bei der Berichterstattung soweit es geht auszublenden.  

Die rund dreißig Minuten dauernden Vergeltungsschläge der USA trafen laut dem Weißen Haus sieben Orte in Irak und in Syrien. Diese stehen demnach mit der Quds-Einheit, der für Auslandsoperationen zuständigen Elitetruppe der iranischen Revolutionsgarde, und ihren treuen Milizen in Verbindung. Es waren angeblich die heftigsten US-amerikanischen Angriffe, die bislang auf Stellungen der Schiitischen Milizen geflogen worden sind. Das amerikanische Zentralkommando äußerte, man habe Attacken auf mehr als 80 Ziele ausgeführt.

Die jüngsten US-Angriffe folgten aber dem Muster der vergangenen Wochen: begrenzt zuschlagen, die Eskalation in der Konfrontation mit Iran so gut wie möglich kontrollieren. Ziele auf iranischem Boden zu bombardieren hatte Washington von Anfang an trotz Druck vonseiten der Hardliner im US-Kongress ausgeschlossen. Hier hatte Teheran in seinen Botschaften vor dem Gegenschlag eine rote Linie gezogen und zugleich deutlich gemacht, kein Interesse an einer direkten Konfrontation mit den USA zu haben.  Dabei ist auch anzumerken, dass Washington nach der Ankündigung der Vergeltung und deren Ausführung einige Zeit verstreichen lassen hatte. So hatten die Milizen etwas Zeit, sich in Sicherheit zu bringen und Vorkehrungen zu treffen. Es gibt entsprechende Berichte, wonach schiitische Kämpfer bereits ihre Positionen evakuiert hatten. Die USA orchestrierten letztendlich eine Reihe an Angriffen, um gesichtswahrend aus dem Schlagabtausch mit Iran zu kommen und zugleich die direkte Konfrontation mit Iran zu verhindern.  

Nach der US-Operation herrschte allerdings Unmut über die US-Luftangriffe auf irakisches Territorium. Washington hatte die Iraker nach Angaben des Weißen Hauses vorab über den geplanten Militärschlag informiert. Doch Bagdad wollte von einer Abstimmung vor den Angriffen nichts wissen. Anders als im Fall der etwa 900 US-amerikanischen Besatzungssoldaten, die in Syrien stationiert sind, ist die Stationierung der etwa 2500 US-Soldaten im Irak vom Wohlwollen der dortigen Regierung abhängig.  

Washington befindet sich seit dem Gaza-Krieg in einem Dilemma: Einerseits ist es nötig abzuschrecken und weitere Angriffe der Huthi und der irakischen Milizen zu unterbinden, um den US-Außenposten Israel zu unterstützen, andererseits sind sie bestrebt den Konflikt mit der Regionalmacht Iran unter einer Schwelle zu halten, die eine direkte militärische Konfrontation und zwar einen Flächenbrand im Nahen Osten bedeuten würde. Damit versuchen die USA als Ordnungsmacht im Nahen Osten weiterhin zu agieren und ihre Interessen aufrechtzuerhalten. Der Sicherheitsmechanismus der USA funktioniert aber längst nicht mehr optimal und Washington ist mittlerweile gezwungen härter zuzuschlagen.

Mit einem direkten Angriff auf Iran würde es aber zu einer Eskalationsspirale kommen und die Konfrontation würde sich in der Luft, an Land und auf See verschärfen. Die US-Sicherheitsbeamten wissen, dass ein umfassender Krieg gegen Iran neue Fronten im Jemen, im Irak, in Syrien und im Libanon eröffnen würde und damit würden alle US-Basen in der Region zum Ziel der Präzisionsraketenangriffe. Die Preise für Öl und Gas könnten zudem ansteigen, was verheerende Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft und die Weltwirtschaft im Allgemeinen mit sich bringen würde. Ob es den USA gelungen ist, die irantreuen schiitischen Milizen in der Region abzuschrecken, bleibt auch offen. Bisher gab es seit dem Überfall der Hamas auf Israel Anfang Oktober mehr als 160 Angriffe der Stellvertreter Irans auf US-Positionen in der Region. Aus den US-Angriffen auf Irans Stellvertreter kann Washington allerdings weder einen strategischen Erfolg in der Region erzielen, noch seine Abschreckungsfähigkeit wiederherstellen. Und dass das Weiße Haus vor der Ausführung solcher Angriffe die US-Rivalen – wie im Fall der jüngsten Vergeltungsschläge – darüber öffentlich informiert, zeugt davon, wie die US-Amerikaner sich ihres Macht- und Legitimitätsverlusts in der Region bewusst sind.

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