Die arabischen Staaten wollen nicht, dass Hamas den Krieg in Gaza gewinnt. Ägypten, die VAE sowie Saudi-Arabien haben mit der Muslimbruderschaft, aus der einst die Hamas hervorgegangen ist, ein hauseigenes Problem. Obwohl Erdoğan Israel mehrfach des Völkermords in Gaza bezichtig hat, wird von türkischen Häfen aus weiterhin Treibstoff an Israel geliefert.

In der Flut der Nachrichten über den Krieg zwischen Israel und der Hamas und den Solidaritätsbekundungen der arabischen Staaten sowie Türkei für Palästina ist den Beobachtern eine Entwicklung entgangen, die sich in den vergangenen Wochen hinter den Schlagzeilen verbarg und zwar eine geopolitische Analyse zu den Positionen der Staaten in der Region zum Gaza-Krieg und zur Hamas.
Die scharfen Töne der arabischen Staaten sowie der Türkei gegen Israel haben in den vergangenen Tagen ein neues Niveau erreicht. Als Antony Blinken von seiner Tour durch die arabische Nachbarschaft nach Israel reiste, hatte er sich einige Unmutsbekundungen über die Operation der israelischen Armee im Gazastreifen anhören müssen. Am schärfsten äußerte sich der ägyptische Präsident al-Fattah al-Sisi. Bevor er sich mit dem US-Außenminister zu Gesprächen zurückzog, sagte al-Sisi: „Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung überstrapaziert und ist zu einer kollektiven Bestrafung für 2,3 Millionen Menschen in Gaza übergegangen.“ Jordaniens König Abdullah II. hat sich ebenfalls mit deutlichen Worten gegen eine gewaltsame Vertreibung der Palästinenser aus Gaza ausgesprochen. Die saudische Führung macht sich inzwischen zum Anwalt der Palästinenser. Saudi-Arabien machte deutlich, dass es, anders als die USA, die israelischen Bestrebungen Gaza-Stadt zu umzingeln nicht unterstützt. Der türkische Staatschef bezeichnete zudem die Hamas als „Befreiungsorganisation“ und sagte sein Treffen mit Netanyahu ab.
Die Israel-kritischen Positionen haben ihren Ursprung nicht in der Solidarität der arabischen Staatenlenker in der Region mit den Hamas-Kämpfern. Sisi ist aus eigenen Interessen heraus besorgt über die desaströse humanitäre Lage in dem belagerten Küstenstreifen, der an sein Staatsgebiet grenzt. In Kairo herrscht Sorge, dass Israel versucht, die Palästinenser aus Gaza heraus nach Ägypten zu drängen. In der arabischen Bevölkerung herrscht zudem enorme Wut über die israelische Kriegsführung. Hinzu kommt, dass fast alle Parteien in der Türkei von israelischen „Kriegsverbrechen“ und einem „Genozid in Gaza“ sprechen. Aus diesem Grund zeigen Bin Salman und Erdoğan eine starke Geste der Solidarität gegenüber den Palästinensern. Die arabischen Staaten und die Türkei wollen ihre Palästina-Solidarität hochhalten, da sie andernfalls ihre Bürger gegen sich aufbringen.
Die arabischen Staaten wollen nicht, dass die Hamas den Krieg in Gaza gewinnt. Ägypten, die VAE sowie Saudi-Arabien haben mit der Muslimbruderschaft, aus der einst die Hamas hervorgegangen ist, ein hauseigenes Problem. Was die Türkei anbetrifft, sind die bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Israel und der Türkei trotz der vielen politischen Tiefen in der Vergangenheit in den Krisenzeiten nicht nur stark geblieben, sondern haben sich sogar verbessert. Das Handelsvolumen hat sich während den 20 Jahren AKP-Regierung zwischen 2002 und 2022 versechsfacht. Obwohl Erdoğan Israel mehrfach des Völkermords in Gaza bezichtig hat, wird von türkischen Häfen aus weiterhin Treibstoff an Israel geliefert.
Den Golfstaaten geht es derzeit um Schadensbegrenzung. Sie wollen verhindern, dass aus dem Waffengang zwischen Israel und der Hamas ein großer regionaler Krieg wird. Eine große Eskalation würde die wichtigsten Projekte der Golfstaaten behindern: den Umbau der Volkswirtschaften, um sie unabhängiger von den Öl- und Gaseinnahmen zu machen.
Die VAE und Saudi-Arabien sind vor allem als Führungsmächte gefragt, wenn es darum geht, die Zukunft des Gazastreifens zu gestalten. Die USA wollen die arabischen Staaten dafür gewinnen, direkte Verantwortung für die Zukunft des Gazastreifens zu übernehmen. Eine Art arabische Treuhandschaft unter den ultrakonservativen Golfstaaten kann dazu führen, dass Gaza genauso wie das Westjordanland seine Widerstandskraft gegen die israelische Besatzung aufgibt. Die mögliche Zerschlagung der Hamas würde unter anderem den Weg für einen Deal zwischen Saudi-Arabien und Israel ebnen. Während Israel ein Mehrfrontenkrieg droht, soll Saudi-Arabien sogar aktiv Tel Aviv bei seinem Krieg gegen die Hamas unterstützt haben, indem es nach Angaben des Wall Street Journal mehrere Marschflugkörper der Huthi-Bewegung im Jemen in Richtung Israel abgefangen hätte.
Für die arabischen Staaten und die Türkei, die sich in ihrem opportunistischen System von Zweckallianzen eingerichtet haben, ist der Überraschungsangriff der Hamas am 7. Oktober im Hinterland Israels ein Weckruf: Die Kräfteverhältnisse in der Region könnte sich in der Region schnell verschieben. Über Krieg oder Frieden entscheiden allerdings nicht die arabischen Mächte oder die Türkei. Diese Entscheidung liegt in den Händen der USA sowie Irans und seiner Schattenarmee getreuer Milizen.
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