Hamas hat seine Operationsmethode von einer Abschreckungsstrategie zu einer Angriffsstrategie im Hinterland Israels geändert. Die Bestrebungen, eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien anzukurbeln, haben einen Rückschlag erlitten. Teheran hat wieder Israel und USA daran erinnert, dass es weiter in der Lage ist, ihre Ambitionen zu durchkreuzen.

Die groß angelegte Angriffsoperation der Hamas-Bewegung ist die heftigste Attacke auf Israel gewesen, die es aus Gaza je gegeben hat. Sie folgt vor allem fast auf den Tag genau fünfzig Jahre nach dem Überraschungsangriff arabischer Staaten auf Israel zu Jom Kippur. Das israelische Establishment war damals überzeugt, die arabischen Staaten seien weder willens noch fähig zu einem erneuten Angriff. Israel wurde dementsprechend vom konzertierten Angriff der von der Sowjetunion massiv aufgerüsteten syrischen und ägyptischen Armeen im Oktober 1973 an einem der höchsten jüdischen Feiertage weitgehend überrascht.
Das Ausmaß der jüngsten beispiellosen Angriffsoperation der Hamas im strategischen Hinterland Israels ist mittlerweile in Erscheinung getreten: Mindestens 700 Israelis wurden durch Hamas-Kämpfer getötet. Unter ihnen sind Soldaten, aber auch viele Zivilisten aus den Städten und Dörfern, die unmittelbar um den Gazastreifen herum liegen. Hamas-Milizionäre nahmen auch zahlreiche israelische Soldaten als Geiseln und verschleppten sie in den Gazastreifen.
Die bewaffneten Palästinenser haben vom Gazastreifen aus Israel aus der Luft, am Boden und von See angegriffen. Ihnen ist es vor allem gelungen, in mindestens acht Orte einzudringen, darunter zwei Militärbasen. Während die Hamas bei der jüngsten Operation gleichzeitig hunderte Kurzstreckenraketen auf Israel abfeuerte, fuhren hunderte Kämpfer erstmals mit Geländewagen und Motorrädern in die israelische Stadt Sderot und die umliegenden Dörfer hinein. Einige Hamas-Kämpfer flogen zudem mit motorisierten Segelfliegern nach Israel. Für eine derartige Infiltration der Hamas war Israel weitgehend unvorbereitet.
Die Hamas ist offenbar von einer Abschreckungsstrategie durch Raketenangriffe von Gaza aus zu einer Infiltrationsoperation bis tief nach Israel hinein übergegangen. Die Hamas will nun den Status quo der eingeschlossenen Enklave in Gaza verändern, den sie durch die Raketenangriffe auf Israel 2021, 2014, 2012 und 2008 nicht entscheidend hatte verändern können.
Seit Vertreter der radikalen Siedlerbewegung in der rechtsreligiösen Regierung von Benjamin Netanjahu sitzen, haben ihre Aktionen immer mehr eine neue Qualität gewonnen: Die Überfälle radikaler Siedler auf palästinensische Ortschaften im Westjordanland hatten in letzter Zeit zugenommen, wobei Tel Aviv weiterhin den illegalen Siedlungsbau vorantrieb. Die Siedler griffen mehrfach auch zur Selbstjustiz – wie der Plünderung der palästinensische Stadt Huwara im Februar. Die Provokationen gegen Palästinenser gipfelten dann in der jüngsten UN-Vollversammlung, wo Netanjahu vor den Vereinten Nationen eine Karte des „Neuen Nahen Ostens“ ohne Palästina zeigte.
Die Hamas ändert aber nun seine Operationsmethode von einer Abschreckungsstrategie zu einer Angriffsstrategie im Hinterland Israels durch Infiltrationsoperation zur gezielten Destabilisierung der israelischen Gebiete.
Im Hintergrund zieht aber Iran die Faden. Die Hamas startet die Militäroperation gegen Israel ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Israel und Saudi-Arabien an einer Normalisierung der Beziehungen arbeiten. Teheran zielt darauf ab, den möglichen saudisch-israelischen Deal zur Normalisierung der Beziehungen zum Scheitern zu bringen. Mittlerweile sind die Verhandlungen zwischen Israel und Saudi-Arabien nach der jüngsten Eskalationsrunde in weite Ferne gerückt und Teheran ist es insofern gelungen Bidens Plan für den neuen Nahen Osten zu konterkarieren.
Der US-Präsident Joe Biden möchte sich im bevorstehenden Wahlkampf in den USA gerne als Vermittler eines Normalisierungsabkommens zwischen Saudis und Israelis schmücken, damit er einen Erfolg in seiner Außenpolitik verbuchen könnte – und zwar auch, indem sie den zunehmenden Einfluss Chinas in der Region eindämmt. In diesem Zusammenhang verkündete Biden vor kurzem einen Wirtschaftskorridor als Gegenstück zu Chinas Neuer Seidenstraße, die Indien über Saudi-Arabien und Israel nach Europa verbinden soll.
Nun steht nicht nur der Saudi-Israeli-Deal auf dem Spiel, sondern es droht Israel ein Mehrfrontenkrieg, wenn Tel Aviv in den Gazastreifen einmarschieren wollte. Denn eine Gegenoffensive Israels wird Tausende Tode fordern, was wiederum ein vergiftetes Klima zwischen der arabischen Welt und Israel schafft, vom dem am Ende Iran profitiert. Seit dem Konflikt mit der Hamas im Jahr 2021, als es zu Ausschreitungen in Jerusalem und gemischten Städten kam, wurden die Bruchstellen der israelischen Gesellschaft offengelegt. Hierzu kommt die Gefahr von Norden, nämlich die Hisbollah mit ihrem Arsenal von etwa 140.000 Raketen.
Es bleibt allerdings unklar, wann Iran seinen Stellvertreter Hisbollah bei der Gaza-Eskalation zuschlagen lässt. Sowohl Iran als auch Israel wollen weiterhin einen großen neuen Waffengang vermeiden. Die Hisbollah-Karte will Teheran wahrscheinlich nur einmal spielen, während Netanyahu wohl nicht bereit wäre mit einem möglichen Großangriff bis tief nach Gaza hinein die gesamte arabische Welt an Iran und dessen Milizen in der Regiom zu verlieren.
Hinterlasse einen Kommentar