Kim in Russland: Wie zeichnet sich ein östliches Militärbündnis gegen US- Dreierallianz im Pazifik ab?

Die Annäherung Nordkoreas an Russland ist im Kontext des aufflammenden Kräftemessens zwischen den USA und deren Rivalen auf der geopolitischen Ebene zu analysieren. Der Ukraine-Krieg ist dabei nur ein Teil dieses Ringens um die Vorherrschaft und Systemrivalität der großen Mächte auf der Welt. 

Photo by Pixabay on Pexels.com

Die Medien im Westen haben in den vergangenen Tagen der Militärkooperation zwischen Russland und Nordkorea große Aufmerksamkeit geschenkt. Es wäre eine schlechte Entwicklung für die Ukraine und Europa, sollte Nordkorea Waffen an Russland liefern. Jede Waffe, die Putin aus dem Ausland erhalte, sei ein „zusätzliches Problem“ für die ukrainische Gegenoffensive, hieß es in FAZ. Bei den jüngsten Gesprächen zwischen Putin und Kim Jong-un in der russischen Hafenstadt Wladiwostok soll es sich um die Lieferung der Munition an Russland für den Ukraine-Krieg gehandelt haben. Als Gegenleistung für die Bereitstellung von Munition werde Nordkorea Lebensmittel- und Energielieferungen sowie den Transfer hoch entwickelter Waffentechnologien verlangen, so spekulierten die Beobachter im Westen. 

Das Treffen mit Putin war das erste Treffen des nordkoreanischen Staatschefs mit einem ausländischen Staatsoberhaupt seit der Schließung der nordkoreanischen Grenzen im Januar 2020. Die beiden trafen sich zum ersten Mal im April 2019, zwei Monate nach dem Scheitern von Jong-uns hochriskanter Atomdiplomatie mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump.

Als das nordkoreanische Staatsoberhaupt Ende April 2019 zum ersten Mal Russland besuchte, waren Moskaus Beziehungen zu Washington nicht so schlecht wie heute. Die Kremlführung hob damals hervor, dass Moskau und Washington das Ziel der „völligen Entnuklearisierung“ der koreanischen Halbinsel teilten. Inmitten des Ukraine-Krieges hat sich aber die geopolitische Lage verschoben. Im Juli hatte der russische Verteidigungsminister Schoigu bereits Pjöngjang besucht. Es war der erste Besuch eines russischen Ministers seit langer Zeit.

Die Annäherung Nordkoreas an Russland ist allerdings im Kontext des aufflammenden Kräftemessens zwischen den USA und deren Rivalen auf der geopolitischen Ebene zu analysieren. Der Ukraine-Krieg ist dabei nur ein Teil dieses Ringens um die Vorherrschaft und Systemrivalität der großen Mächte auf der Welt.  

Ein möglicher Militärpakt zwischen Nordkorea und Russland ist darauf zurückzuführen, dass Moskau und Pjöngjang derzeit alarmiert wegen der neuen Dreierallianz aus den Vereinigten Staaten, Südkorea und Japan im Pazifik sind. Die USA arbeiten aktuell daran, das Konzept der NATO auf den Fernen Osten zu erweitern. Der mögliche Waffenverkauf zwischen Moskau und Pjöngjang soll als Abschreckungsmaßnahme gegen eine mögliche Erweiterung der NATO in Ostasien wirken. Hinzu kommt, dass sowohl Chinas Widerwillen, alle Brücken zum Westen abzubrechen, als auch das gemeinsame Interesse Russlands und Nordkoreas, eine potenziell unverhältnismäßige Abhängigkeit von der Volksrepublik präventiv abzuwenden, den Weg für die Vertiefung der Beziehungen beider Länder im Sicherheitsbereich geebnet haben. 

Der Kreml betrachtete nämlich Nordkorea bisher als fest in der Umlaufbahn Chinas verankert und sehr selten hat Moskau einen Kurs verfolgt, der nicht im Gleichschritt mit den Ansichten Pekings steht. Mit dem jüngsten Treffen zwischen Putin und Kim auf dem Weltraumbahnhof Wostotschny fährt die Kremlführung aber nun einen neuen Kurs, wonach sie ihre Beziehungen in Asien ausbalancieren will, da Moskau derzeit wegen der Abkopplung der Beziehungen zum Westen die Gefahr läuft zum Juniorpartner Chinas auf der geopolitischen Landkarte degradiert zu werden.

Auch wenn ein Militärpakt zwischen Russland und Nordkorea zustande kommt, wird Washington dennoch immer annehmen, dass dieser stillschweigend den Segen Pekings hätte. Denn Peking dürfte langfristig von der Annährung zwischen Russland und Nordkorea profitieren. Käme es nämlich zu einer Militärkooperation zwischen Moskau und Pjöngjang, dann würde dies in Ostasien ein Gegengewicht zu der neuen Dreierallianz USA, Südkorea und Japan gegen China darstellen. 

Der US-Präsident Biden traf im August die Präsidenten Japans und Südkoreas in Camp David, um eine Mini-NATO im Pazifik gegen die aufstrebende Weltmacht China aufzubauen. Und das, obwohl Paris sich ausdrücklich dieser Idee widersetzt hat. Südkorea, Japan und die USA streben aufgrund ihrer Besorgnis über das nordkoreanische Atomprogramm und zwecks Eindämmung des zunehmenden Einflusses Chinas in der Region eine engere Sicherheitszusammenarbeit an.

Die drei Länder bemühten sich darum auf dem Gipfeltreffen einen Konsens über ein trilaterales Sicherheitsbündnis zu erzielen, da die strategischen Interessen der USA und ihrer Verbündeten nicht unbedingt deckungsgleich sind: Südkorea fürchtet in erster Linie die Bedrohung durch den Norden. Mit Blick auf Taiwan vermeidet Südkorea alles, was den mächtigen Nachbarn China ernsthaft verärgern könnte.

Die Ausweitung der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit zwischen Südkorea, den USA und Japan dürfte auch Kim dazu veranlasst haben, zum ersten Mal Übungen gemeinsam mit Russland und China abzuhalten. Im Vorfeld des Treffens zwischen Putin und Kim sagte der russische Botschafter in Nordkorea, dass es „angebracht“ wäre, Nordkorea zu gemeinsamen Manövern Russlands und Chinas einzuladen. Militärübungen der USA und ihrer Partner in Asien, die offen gegen China, Nordkorea und Russland gerichtet seien, machten „gemeinsame Antworten“ notwendig. In letzter Zeit hielt Südkorea mehrfach zusammen mit den USA und Japan Militärübungen ab. Pjöngjang bezeichnete die kollektiven Übungen der USA mit ihren beiden Partnern im Pazifik als Vorbereitung auf einen atomaren Präventivschlag Washingtons. Das heißt, für Russland und Nordkorea ging es bei einem Deal über den Ukraine-Krieg hinaus.

US-Präsident Biden hat sich in letzter Zeit für die Stärkung der Beziehungen zu Japan, Südkorea, Indien, Vietnam und anderen Ländern eingesetzt, um ein Gegengewicht zu Chinas Einfluss im Pazifikraum herzustellen. China und Russland haben sich zugleich in den vergangenen Jahren immer weiter angenähert. China ist auf der Suche nach Unterstützung, um die von den USA dominierte Weltordnung in eine Richtung umzugestalten, die seinem Ansatz der „Multipolarität“ entgegenkommt. Ende August trugen Peking und Moskau dazu bei, die BRICS-Gruppe, die als ein Gegenstück zu G7 gilt, um weitere sechs Länder im Globalen Süden zu erweitern. Vor dem Hintergrund der 78. Generaldebatte der UN-Vollversammlung besuchte der chinesische Außenminister Wang Yi Moskau. Die zeitliche Aufeinanderfolge vom Besuch des nordkoreanischen Staatschefs Kim unlängst in Russland mit der jüngsten Reise Wangs nach Russland zu den „strategischen Sicherheitskonsultationen“ erweckt bei den Beobachtern die Spekulation, dass sich in Asien eine neue Achse China-Russland-Nordkorea herauskristallisiert, die darauf abzielt zu verhindern, dass die USA eine neue Front neben der Ukraine-Krise in Europa gegen aufstrebende Mächte in Asien eröffnen.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar